Pfingsten naht und mit ihm das Wave Gotik Treffen in Leipzig. Ein definitiver Höhepunkt des Gruftie-Jahres. Ich bin seit Jahren nicht mehr auf dem WGT, aber früher war es ein fester Termin auf den begeistert hingefiebert wurde. Vier Festivaltage erforderten vier Outfits. Inspirierte, durchgeplante Outfits. Schließlich wollte man auch gesehen werden. Glückliches Entwerfen, Basteln und Nähen. Seelige Erinnerungen an meine Gruftiezeiten mit Anfang Zwanzig.
Nostalgisch angestochen habe ich meine WGT-Erinnerungen Revue passieren lassen. Auf das Wetter war nie so richtig Verlass, die Hotelpreise explodierten jedes Jahr und musikalisch habe ich mich meist gelangweilt, aber eins steht fest: Gut angezogen waren Natron und ich immer. Wäre ja Grund genug mal ein Best Of meiner Outfits zusammenzustellen, oder?
Das erste Mal war ich 1999 in Leipzig. Als niedlicher Kindergruftie, der seine blonden Grunge-Haare grad zum ersten Mal schwarz gefärbt hatte. Meine Klamotten waren allesamt gekauft, an Natron & Soda war noch nicht zu denken.

Das letzte Mal habe ich dann 2011 einen Abstecher zum WGT gemacht um wenigstens einen Tag mit Freunden dort zu verbringen. Da trug ich Jeans und T-Shirt. Zwar auch Dreads, aber definitiv nichts was meinen früheren Standards auch nur ansatzweise genügt hätte.
Tja, und dazwischen spannen sich Jahre von absurden, genialen und einmaligen Outifts. Korsetts, Reifrock, Haarteile, Plateausohlen, Tüllröckchen, Plastikfolie. You name it. Schauen wir mal etwas genauer hin.
Auf Platz eins, das epische Highlight meiner Festivalgarderobe, oft kopiert und nie erreicht: Das legendäre Stripey Hollow Kleid.

Inspiriert durch ein Kostüm welches ganz am Ende des Films “Sleepy Hollow” für etwa drei Sekunden getragen wird wollte ich auch ein schwarz-weiß gestreiftes Reifrockkleid haben. Historische Akkuratesse unwichtig, Näherfahrung gering machte ich mich 2003 an das Projekt. Seinerzeit musste man das Korsett auch noch unbedingt sichtbar über der Klamotte tragen, und dass Plastikfischbein nicht die beste Lösung für den Unterbau des Rockes war, ist mir damals nichtmal aufgefallen. Egal, ich fand mich toll und hatte einen grandiosen Tag in dem Kleid. Den raumgreifenden Effekt der Klamotte machten ganz alleine die Streifen aus. In einem anderen Stoff wäre das eine langweilige Nummer gewesen. In der Folge habe ich fast alles aus Streifenbaumwolle genäht, aber Stripey Hollow war immer der Klassiker.
Im gleichen Jahr kam auch ein Kleid aus rosafarbener Plastikfolie beim WGT zum Einsatz. Das Candykleid. An sich ein ebensolches Original wie Stripey Hollow, habe ich das Thema trotzdem nocheinmal neu interpretiert. Hat mir irgendwie keine Ruhe gelassen. 2005 konnte ich dann in der neuen, verbesserten Version auflaufen: Candy V2.

Das Hauptproblem beim originalen Candykleid war die Perforation der Plastikfolie durch Nähte. Ständig rissen die Träger ab oder zwei Schnittteile klafften auseinander. Ich begegnete der Sache bei der V2 mit zwischengesetzten Streifen aus Baumwollstoff. In die Konstruktion setzte ich so viel Vertrauen, dass ich sogar wagte Spiralstäbe und eine leichte Taillenreduktion einzubauen. Tatsächlich überstand Candy 2 das WGT ohne Schäden. Unter dem polymeren Nichts trug ich damals knappe Unterhöschen und äh… Klebeband. Ausgleichenderweise hatte ich meine Transformers mit pinkfarbenem Plüsch ausgestattet und jede Menge Plastikhaar auf dem Kopf. Den Raver-Einschlag würde ich heute nicht mehr leugnen, damals hatte die Gothicszene aber auch mal eine bunte Phase und man durfte pink tragen, meine ich.
Der Reifrock vom Stripey Hollow war zwar nicht so wahnsinnig gut konstruiert, aber er war nunmal da und wartete unterm Bett darauf noch ein weiteres WGT erleben zu dürfen. Das gönnte ich ihm 2004 mit einem Kleid an dem ich keinen einzigen Nadelstich gesetzt hatte. Ungewöhnliche Materialien haben mich damals wahnsinnig fasziniert, und so baute ich ein Kleid aus Müllsäcken. Immerhin waren sie schwarz.

Der Rock bestand aus sechs Bahnen die zügig mit Gaffatape zusammengeklebt waren, der Saum wurde zerschreddert und ich konstruierte noch eine geraffte bustle-artige Lage Müllsackbausch obendrauf. Das Oberteil wurde erst am Morgen im Hotel über mein Korsett gewickelt und geklebt, auf der Brust mal wieder Klebeband. Wichtige Akzente setzte das gelb-schwarze Band von dem ich ein paar Streifen aufpappte. Glitzercollier um den Hals und Chiffonstreifen in die Haare, fertig. Das Müllsackkleid war supereinfach hergestellt, es hatte eine tolle Textur und ich liebe es immernoch dafür, dass es auf so viele Arten funktioniert hat. Ich meine, das ist schon fast Kunst: Aus einem Wegwerfprodukt habe ich ein Prinzessinnenkleid gemacht, mich dabei selber in einen Abfallsack gesteckt, einerseits passte die Silhouette genau aufs WGT, andererseits hinterfragte das Material den Sinn der ganzen Geschichte. Selbst wenn man das nicht interpretieren möchte ist das Kleid ein Beweis dafür, dass Respektlosigkeit und Improvisation einen wirklich weit bringen können.
Im Laufe des folgenden Jahres begegnete mir auf dem Grabbeltisch der Kurzwarenabteilung ein Reststück Brokat. Silberfarbener Brokat mit holografischen Fädchen durchzogen. Regenbogenglitzerholo! Der kam natürlich mit und natürlich wurde eine WGT-Klamotte daraus. Das Holokleid war mein erstes Korsettkleid.

Ich hatte den Schnitt für ein Überbrustkorsett nach unten hin zu einem weiten Röckchen verlängert und dieses (eher dürftig) mit Tüll und Organza unterfüttert. Dazu durfte alles glitzern: Holoklebefolie auf den Transformers, Geschenkband im Haar und ein Minikrönchen aus der Faschingsabteilung, das ich mit Pailletten und viel Chichi aufmotzte. Im Makeup kamen irisierende Glitzersteinchen vor und als Handtasche diente ein Plüscheinhorn. Was auch sonst. Das Universum aber fand mich vermutlich zu grell, jedenfalls regnete es an diesem Pfingstsamstag 2005 in einer Tour und mein Kleidchen kam nicht wirklich dazu seine ganze Schönheit in die Welt zu funkeln. Es bekam diese Chance Jahre später nochmal auf einer Party und gehört definitiv zu den Stücken die ich nie, nie, nie ausmisten werde (ich bereue schon das Krönchen bei meinem letzten Umzug weggetan zu haben). Das Holokleid wird neben Candy V2 in meinem Schrank hängen bis meine Kinder mal sagen werden: “Mama, du spinnst ja!”
2006 war das letzte Jahr in dem ich das WGT noch richtig mit Eintrittskarte, Hotel und viel Drama besucht habe. Und es war outfitmäßig ein gutes Jahr. Ich bin in den seltenen Genuss einer gespendeten Klamotte geraten. Natron hat für mich eine pastellrosane Version ihres Uniformkleidchens von 2005 genäht. Eiscremeverkäuferin trifft Armee.

Da war viel Detail dran. Schiffchen, Schulterklappen, Blasebalgtaschen auf der Brust, große aufgesetzte Taschen auf dem Rock, eingesetzte Godets, Armbinde, Kragenspiegel und Fangschnur. Auf dem Rücken war ein großer Aufnäher mit Rosen und Schriftzug. Darunter trug ich ein Mieder, Tüllröckchen und Strumpfhalter. Außerdem kamen Perücke, Handschuhe und die unvermeidlichen gepimpten Transformers zum Einsatz. Fast schon ein wenig Pin-up und dabei noch recht angezogen, für meine Verhältnisse. Rosa war übrigens, wie ihr ahnen könnt, lange Zeit eine Lieblingsfarbe von mir.
Was geschah noch 2006? Ich hatte einen ersten Ausbruch von dem was ich in den letzten Jahren unter dem Titel Retro-Science-Fiction zu Projekten zu machen versuche. Ich nähte ein futuristisches Outfit in weiß. Mit orangefarbenen Akzenten. Auf meine weiße Kampftasche schrieb ich den Natron & Soda-Schriftzug in der Star Wars Font und nannte die ganze Klamotte entsprechend “Starwars”.

Ja, das mit der Halbmaske war grenzwertig. Zeitweise ein großer Trend in der Szene, den ich schon deshalb nicht mitmachen wollte. Dann hat mich aber der Look doch geködert und ich habe Plastikstreifen aus einem Schnellhefter geschnitten. Tennishöschen und Netztop dazu waren nicht soooo ungesehen, aber an das Korsett hatte ich entlang der Versteifungen transparente Einsätze gebaut in welche ich Knicklichter geschoben habe. Im Dunkeln ein Wahnsinnseffekt. Auf dem Kopf trug ich mühevoll gefilzte Plastikhaardreads und viel weißen Jersey der meine eigenen Haare verdecken musste. Es war mal wieder kalt und die weiße Plüschjacke durfte sich erneut in ein luftiges Outfit drängen und den Gesamtlook ruinieren. Zu den Schuhen muss ich ja sicher nichts mehr sagen.
Das letzte Outfit in diesem Blogeintrag Of Fame ist auch von 2006. Das war mein Freitagslook, dementsprechend ein wenig ruhiger, erstmal zum Eingrooven. Zu Eiscremeverkäuferin und Spacebabe wählte ich noch eine Endzeitklamotte. Warum auch nicht.

Das steht nicht neben den epischen Gesamtlooks weil es soviel Arbeit gemacht hätte. Im Gegenteil. Das Mieder (erneut mit Knicklichtern ausgestattet) hatte ich genäht und so eine Art Shrug aus Kunstleder. Der Rest war gekauft, geborgt oder Teil meines Alltagskleiderschrankes. Was diesen Look gemacht hat war ganz allein das Styling. Und damit meine ich größtenteils das Makeup und die Haardeko, beides habe ich morgens im Hotel spontan zusammengeschmissen. Und das ist dann auch das, was ich aus meinen WGT-Zeiten mitgenommen habe: Die Fähigkeit aus Nichts Etwas zu machen. Aus hundert Einzelteilen die herauszupicken die vor dem inneren Auge ein Gesamtbild ergeben. Zu Improvisieren, Umzunutzen und kreativ zu denken.
Mir würde es immernoch einen Heidenspaß machen WGT-Outfits zu planen und entstehen zu sehen. Ob ich noch das Mojo hätte diese dann zu tragen ist eine andere Sache. Glücklicherweise bietet aber auch ein stilvoller Alltag die Möglichkeit Outfits zu visualisieren bevor sie angezogen sind und Kleidungsstücke zu nähen für Tage an denen man Hippieprinzessin oder urbane Geheimagentin sein möchte. Und das habe ich vor mein restliches Leben lang so zu machen.