Von weinen und von klagen – IV. Âventiure

16. Oktober 2011 (18:47 h) – Tags: ,


Zuerst mal die beste Nachricht: Meine Zahnschmerzen sind weg. Von alleine. Keine Ahnung wie sowas passieren kann, aber mir solls Recht sein.

Gestern war ich aber trotzdem nölig. Da ist es mit dem Brautkleid natürlich auch nicht so gut gelaufen. Ich habe immerhin mal die achteinhalb Meter Tüll eingereiht und testweise über den Petticoat gesteckt. Mal gucken, ob ich damit davon komme, den Tüll auf dem Oberrock einfach als eine lange Bahn zu verarbeiten.

Komme ich nicht. Also das geht leider gar nicht. Am Bund stehts fast waagerecht weg und um die Hüfte gibts viel zu viel Volumen. Naja, hätte ja klappen können. Dann eben doch Teller.

Auf die hatte ich gestern aber wirklich gar keine Lust. Also habe ich lieber erstmal die Unterlage aus cremefarbenem Futtersatin zugeschnitten. Damit man nicht durch den Oberrock auf die waagerechten Nähte des Petticoats durchgucken kann, gibts da ja noch einen Unterrock.

Den habe ich aus sechs Bahnen gearbeitet. Eigentlich wollte ich einen Tellerock zuschneiden, aber die Stoffbreite gab keinen her. Bevor ich da komische Stücke ansetze mache ich lieber Bahnen. Gesagt, getan. Den Rock habe ich auch gleich schön ausgebügelt und gesäumt. UND WAS TUT ER?!

Er zipfelt! Und zwar nicht nur ein bisschen sondern ganz schön heftig. Danke, schräger Fadenverlauf! Ich habe versucht, die Nähte einzuhalten und durch sowas wie eine Stütznaht zu sichern. Also Stütznähte funktionieren wohl besser wenn man mit Differentialtransport näht. Bei mir hats nicht so gut hingehauen. Hätte der Satin aber sowieso ignoriert, der beult dann einfach neben der Naht.

Stütznähte wieder raus und der Wahrheit ins Glotzauge geblickt: Das muss vom Saum runter. Von meinem schon gesäumten Saum! Dem Rollsaum! Grandios. Schon hatte ich keine Lust mehr und habs liegen gelassen.

Bis heute. Hilft ja nix, das Teil muss fertig werden. Also habe ich heute den wunderbaren Rollsaum wieder aufgemacht. Am liebsten hätte ich ihn ja runtergeschnitten, aber die Länge des Unterrocks war so schon knapp. Wieder gebügelt. Vorsichthalber schonmal den Bund angesetzt. Den Rock mit Bund über den Petticoat gezogen und versucht, den Saum mit Hilfe des Rockabrunders auf der Schneiderbüste zu begradigen. Ging nicht. Der Petticoat hat zu viel Volumen, so lang ist der Rockabrunder nicht. Also mit Maßband runtergemessen. Deppenarbeit. Man hat ja sonst nix zu tun.

Dann habe ich schon sehr frustig einen neuen Rollsaum gemacht und jetzt ist der Mist endlich einigermaßen gerade.

Weil ich dann ja ohnehin schon miese Laune hatte, konnte ich auch zu dem Teil kommen um den ich so erfolglos versucht hatte mich zu drücken: Tellerröcke aus Tüll zuschneiden.

Das ist der Schnitt. Riesengroß! Ich musste die Kreisform mit einem Fadenzirkel anzeichnen. Dazu habe ich das eine Ende um einen Filzstift geknotet und das andere um einen Nagel. Den habe ich in eine Rille zwischen die Dielen gedrückt. Verzeih mir, Bruno Möhring!*

Der Schnitt war aber noch nicht die Herausforderung. Die kam erst mit dem Übertragen. Wo bitte kann ich hier drei mal zwei Meter Tüll ausbreiten? Jedenfalls nicht im Arbeitszimmer.

Ins Schlafzimmer musste ich ausweichen. Möbel rücken, Katzen verscheuchen! Was hier wie eine dicke Staubschicht aussieht ist dann auch endlich der ausgebreitete Tüll. Vier Lagen. Legt man auch nicht mal eben so übereinander. Nur mit viel Gezuppel.

Daraus sind acht Halbkreise entstanden, von mir anschließend zu zwei Bahnen zusammengenäht und eingereiht. Ja, es sieht schon schön aus, jetzt wo es endlich alles zusammen den einen Oberrock ergibt. Aber ich kanns heute nicht ganz wertschätzen. Irgendwie hatte ich mir mehr Tüll vorgestellt. Mehr Lagen würden aber am Bund schon wieder so sehr auftragen. Ich weiß auch nicht. Der hat mich zu sehr geärgert, als dass ich ihn mögen könnte, der Rock.

Mit dem Gröbsten bin ich dann soweit fertig. Die Röcke muss ich noch jeweils in der Hinteren Mitte zusammennähen und Verschlüsse anbringen. Bei Weste und Corsage wäre noch etwas Feintuning nötig. Und eine fünfte von vier Âventiuren hätte ich auch noch im Ärmel. Heute gibts aber nur noch Glühwein.

*Bruno Möhring ist der -nicht ganz unbekannte- Architekt, der das Haus in dem ich wohnte 1926 entworfen hat. Habe ich vor Kurzem durch einen absoluten Zufall herausgefunden. Echt kurios.

12 Kommentare zu “Von weinen und von klagen – IV. Âventiure”

  1. Tenshi schrieb:

    Wow. Das ist … wow. Mich verlassen die Worte angesichts dieser poofig-perfekten Tüllmasse.
    Vor deiner Geduld mit diesem infernalischen Zeug ziehe ich sowieso den imaginären Hut. Soda, du rockst! Und zwar gewaltig.

  2. Steppenwölfin schrieb:

    *mit Soda anstoss*
    ich kann dein Ärger gut verstehen aber du hast es bald geschafft und ich finde der Rock ist wirklich toll geworden,wie auf Natrons Zeichnung

    aber jetzt muss ich doch mal der verständnishalber fragen
    der Oberrock ist doch nur eine Lage tüll oder? und besteht der oberrock jetzt aus einer Stufe oder aus zwei? Auf dem Foto sieht es nach einem Stoffstück aus also nix gestuftes
    aber wieso hast du dann 8 Halbkreise zugeschnitten, das wären doch eigentlich nur2!?

  3. lenelein schrieb:

    Ich finde es super so! Der Rock hat viel Volumen, ich kann mir die Weste dazu gut vorstellen.

    Wenn du noch mehr Tüll nimmst, sieht Natron hinterher aus wie dieser kleine Kerl:
    http://www.welt.de/multimedia/archive/01207/toto_mariolakitu_D_1207764p.jpg

  4. Soda schrieb:

    @Steppenwölfin: Das stimmt, eigentlich wären es nur zwei Halbkreise. Ich wollte aber erst vier Lagen machen, deshalb hab ich acht zugeschnitten. Am Ende hab ich dann entschieden, dass weniger Lagen mit mehr Kräuselung besser sind als andersrum und habe jeweils vier Halbkreise zu einer Lage zusammengesetzt und eingereiht. Jetzt sind es zwei Lagen, die dafür aber auf etwa 4:1 gekräuselt sind.

  5. Meri schrieb:

    Hach nee wat is dat schön!

    Und das ganze bitte noch dreimal und wir haben die Röcke für die vier kleinen Schwäne aus Schwanensee!

    Sieht klasse aus und ich kann es kaum erwarten das ganze komplett mit Stiefeln zu sehen!

  6. Le papillon rouge schrieb:

    wow… klasse rock und vor allem die glockenform beeindruckt mich…
    respekt, dass du das trotz erkältung so machst.

    was ich mich aber grad frage ist, kommt da noch ein unterrock unter den petticoat?
    ich kann mir sonst vorstellen, dass der ganze tüll an den beinen von natron unglaublich piekst, wenn man drauf sitzt.

  7. Nachtdrossel schrieb:

    Der Rock sieht famos aus! Wirklich wie auf der Zeichnung. Ich bin sicher, wenn du ne Nacht drüber geschlafen hast und die blöde Erkältung los bist, wirst du ihn auch mehr mögen. Ich bin wirklich auf Bilder vom gesamten Ensemble gespannt.
    Ich wünsche dir auf jeden Fall gute Besserung *Tee rüberschieb*. Der Türkenmarkt war für mich auch nicht so ergiebig. Letztes Mal gab es keine passend farbigen Jerseys, dieses Mal nicht den richtigen schwarzen…

  8. Lilja (aka Morag) schrieb:

    Also ich verfolge diesen Krimi… ich meine dieses WIP ja schon länger mit großer Begeisterung und auch wenn man natürlich aufatmet, weil du nun das gröbste geschafft hat (und ich würde dir auch gerne überschwänglich gratulieren, ich befürchte aber das bringt Unglück, weil du ja noch Kleinigkeiten machen willst), klingt auch ein bisschen Wehmut mit . Es hat Spaß gemacht hier mitzulesen und ich habe viel mit dir mitgelitten. Auch wenn du nähtechnisch in einer anderen Liga spielst, macht es dich einfach menschlich (und erinnert mich selbst an eigene Odysseen an der NähMa), wenn du auch mal einfach keine Lust mehr hast oder in Verzweiflung noch ein zweites Mal auftrennst. Abschließend: Natron hat echt die beste Brautkleidschneiderin, die man sich wünschen kann. Und wärs nicht Natron müsste man fast Sorge haben, dass sie all diese Mühen auch richtig zu schätzen weiß. Muss man sich aber bei Natron sicher nicht. Also ein Krimi mit Silberstreif am Horizont, dann gibts also ein Happy End. Ich freu mich!

  9. Centi schrieb:

    Wie blöd, das mit dem Saum… aber das Ergebnis sieht wirklich schön aus. Noch mehr Tüll würde ich persönlich da aber gar nicht haben wollen, ich finde das so genau richtig. :)

  10. Soda schrieb:

    @Le papillon rouge: Ja, da ist noch ein Unterrock drunter. Als unterste Lage hab ich weißen Taft druntergenäht. Sonst wärs sicher sehr unangenehm, da hast du Recht.

  11. Caroline. schrieb:

    Hast Du schon mal versucht, wie’s ohne den Satin-Mittelrock aussieht? Es kann ja sein, daß man die Stufen durch den Obertüll gar nicht mehr erkennt und der gewünschte „tülligere“ Eindruck sich einfach dadurch wieder einstellt, daß man die glockige Tüllunterkante wieder sieht?

    (Schon tüll, so oft „Tüll“ schreiben zu dürfen!)

  12. effloresco schrieb:

    hallo soda, ich habe deinen wip mitverfolgt und muss zugeben, dass ich super beeindruckt bin. alles was du nähst, ist immer superschön aber das kleid hat mich umgehauen: die haargenaue arbeit, die verantwortung die da mitschwingt.. alles.

    möchtest du nicht eine anleitung zu dem petticoat schreiben damit wir uns auch alle so schöne röcklein nähen können? an deine version kommen die ohnehin nicht ran ;) und natürlich nur wenn die braut damit einverstanden ist, dass wir dann wissen wie das nähen _ihres_ rockes dann funktioniert…

    liebe grüße

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