Falsche Urteile wider schöne Kleider

15. Januar 2012 (00:00 h) – Tags: ,

Vielleicht geht es euch ja auch so. In meinem Kopf gibt es Trends die ich mag und gerne mitmache, Trends die ich entspannt ignorieren kann und Trends die ich doof finde und die mir irgendwann auf die Nerven gehen. Slouchymützen, Return of the Leggings… bin ich dabei. Röhrenjeans? Lächeln und winken. Bei sichtbaren BH-Trägern (Ja, ich meine das ist Absicht, nicht Nachlässigkeit!) verdrehe ich regelmäßig die Augen und motze in den Fernseher.

Soweit ist es schön wenn man sich alles ordentlich abgelegt hat und seine Meinung und seinen Kleiderschrank mit Gründen und Trendfreunden befüllen kann. Aber manchmal, wenn wieder etwas vermehrt in der Blogosphäre oder auf den Straßen auftaucht, dann passiert es mir, dass ich es erstmal in die falsche Kategorie sortiere. Vielleicht weil ich noch nicht weiß, dass es mir sowieso nicht steht. Oder weil es mit einer solchen Penetranz auftaucht, dass ich sofort genervt bin. Wenn ich aber etwas erstmal zum Feind erklärt habe, ist es schwer mir einzugestehen, dass ich es eigentlich doch mag. Das erfordert die kopfschüttelnde Größe über den eigenen Schatten zu springen.

So ging es mir mit dem Trend „Vintage“. Der hat doch sofort genervt. Überall tätowierte Mädchen in Omakleidern. Coole Fashionblogger durchforsten muffige Secondhand-Läden. Die ganze brave Lieblichkeit der Jahrhundertmitte hing mir bald zum Hals heraus. Und während ich „Vintage“ auf meine Liste der Unwörter 2011 schrieb, gleich hinter „Instagram“ und „Giveaway“, gab es diese penetrante Stimme in meinem Kopf die ständig „Aber eigentlich..“ sagte.

Sehen wir also der Wahrheit ins Glotzauge. Eigentlich mag ich den Look der Vergangenheit. Wenn ich im Secondhand-Laden (Da! Sie geht ja auch hin!) ein Teil finde das ganz offensichtlich älter ist als ich, dann bin ich total begeistert. Ich habe einen Wintermantel aus Zeiten in denen Schönheit lange vor Funktionalität ging, hänge das Schlafzimmer mit hundertjährigen Fotos zu und verbringe Stunden damit auf OMG that dress! die Entstehungsdekade von Kleidern zu benennen. Und ich kenne noch jemanden der so ist: Natron.

Natron hat sich vor gar nicht langer Zeit einen tschechischen Mantel aus den Sechziger Jahren gekauft und trägt ihn sogar zu ihrem rock ’n‘ roll-igen Alltagslook. Natron hat in Dior-Silhouette geheiratet. Und ihre zeitgenössische Frisur und Boots bilden auch den besten Rahmen für historische Kleider.

Also habe ich entschieden, dass sie eins braucht. Ich habe keine Ahnung ob sie das tragen möchte aber ich weiß, dass sie sich selber kein solches Kleid nähen wird. Also habe ich eins genäht. Nicht die volle Ladung „Vintage“, aber irgendwo zwischen Natrons geliebten Sechzigern und Madame Chanel ist es schon.

Burda hatte neulich den Schnitt 116 aus Heft 10/2011, der hat mir sofort gefallen. Eigentlich recht clean, aber mit wunderbarer Ärmellänge und diesem entzückenden Kragen (der ja gerade wieder mächtig zu kommen scheint). Weil ich den schwarz-weiß Kontrast zwar wahnsinnig effektvoll finde, er für Natron aber einfach zu heftig ist, habe ich einen dunklen Wollstoff mit dezentem Karomuster (Karos!) gekauft und eine schwarze Wolle als Garniturstoff ausgewählt. Außerdem hielt ich mir die Option offen den Saum noch radikal zu kürzen.

Des Weiteren habe ich das Kleid komplett gefüttert. Wolle. Kratzt. Und ein paar Nahttaschen habe ich auch noch eingebaut. Ohne Taschen hätte das Kleid ja überhaupt keine Chance zu gefallen.

Und dann habe ich den größten Blödsinn seit Langem zusammengenäht. Eine Linie falsch abgepaust, weshalb weder Länge, Saumblende noch Kragen mehr passten. Versucht das irgendwie anzugleichen, damit alles nur schlimmer gemacht. Von dem abenteuerlichen Unterschied im Fadenverlauf der beiden Kragenhälften ganz zu schweigen.

Als ich den Abpausfehler endlich gefunden hatte konnte ich zum Glück fast alles noch retten. Am Saum habe ich 15 Zentimeter Länge runtergenommen, das hat auch schonmal einiges verziehen.

Der Kragen hat anfangs furchtbar weggestanden aber Burda wusste schon warum er hinten mit Garnstegen befestigt werden sollte. Ahh. Nun liegt er ganz glatt. Und ich mag ihn.

Hinten ist der Kragen geteilt weil in der Hinteren Mitte ein nahtverdeckter Reißverschluss sitzt. Darunter ist ein Zierriegel mit zwei Knöpfen festgenäht. Der könnte auch noch ein paar Garnstege vertragen, noch hat er etwas viel Bewegunsgfreiraum.

Nun ist das Kleid fertig und ich schenke es heute Natron. Ich bin gespannt was sie sagen wird. Wenn sie es nicht anzieht bin ich auch nicht sauer. Bei sowas kann man ja nie wissen ob es total gut oder überhaupt nicht ankommen wird. Das Risiko gehe ich ein.

Eins steht auf jeden Fall fest: Ich brauche auch so ein Kleid. Mochte das hier nach den Fotos gar nicht mehr ausziehen. Bequem und trotzdem so gut angezogen. Mädchenhaft aber nicht verspielt. Und jetzt wo ich den Schnitt endlich richtig zusammen hab…

Ja, Vintage, du hast gewonnen. Ich habe dir Unrecht getan. Lass es uns nochmal miteinander versuchen.

11 Kommentare zu “Falsche Urteile wider schöne Kleider”

  1. Centi schrieb:

    Das ist schick. Sogar der Kragen schreit dank der Farbkombi nicht allzu laut „schaut her wie niedlich ich bin“. :)

  2. Junika schrieb:

    Ha, ich kenn sowas auch, mir gehts grad bei Schuhen mit Keilabsatz so (nur kann man die nich so leicht selber nähen ;-) ).
    Das Kleid find ich sehr schick, auch oder gerade mit dem Karostoff. Und dir stehts auch echt gut! Könnte mir das auch gut als ärmelloses Etuikleid vorstellen…kommt mal direkt auf meine „2012-Nähliste“ =)

  3. Noctua schrieb:

    Hm. Ich muss gestehen, ich würde es nicht tragen. Zu kurz, zu weit und mit von mir verschmäter Kragenform. ABER: Der Stoff ist wundervoll und ich würde spontan fast jede Wette eingehen, dass Natron in diesem Kleid großartig aussehen dürfte. Natron hat bisher in jedem Kleid, das ich eher naja fand, großartig ausgesehen (in den großartigen Kleidern übrigens auch ;) ).

    Abgesehen davon finde ich deine Löckchen ganz bezaubernd. :D

  4. Sue schrieb:

    Geht mir ähnlich mit „diesem Vintage“.
    An den meisten nervt es nur, an manchen ist es wirklich chic. Der 60er- Style hat es mir irgendwie schon angetan, aber ich bin ja mal garnicht „twiggy“ , von daher- „Schwupps- Tschüss“.
    Mir persönlich würde das Kleid mit mehr Taillierung besser gefallen ( Dieser Twiggy- Style ist und bleibt in meinen Augen wirklich etwas für Kinder, und alle, die so aussehen…), ansonsten sind Schnitt und Stoff sehr schön. :)

  5. Clarimonde schrieb:

    OMG love love love <3 <3 <3 !!!11!1!, wie man es in elegantem Streetstyleblogkommentarsprech ausdrücken würde. Zufälligerweise (vielleicht auch nur aufgrund eines vermehrt auftretendem Trends) habe ich mir vor zwei Wochen während eines WSV-Schlußverkauf-Trips ein Jerseykleid im Sechzigerjahrestil zugelegt. Mit Bubikragen und weißen Paspeln. Dazu einen A-Linien-förmigen Mantel in Salz-und-Pfeffer-Optik. Auch mit Bubikragen. Und rostrot-orangefarbene Strümpfe. Ja, auch ich stehe auf den Look! Mehr als auf den der Fünfziger, an dem ich mich längst sattgesehen habe. Mehr als den der Siebziger, der zwar witzig, aber nicht so elegant ist.

    Was soll ich sagen – wieder mal ein Look, der Dir nicht nur ausnehmend gut steht, sondern mir auch generell gefällt. Soda + Sixties = ja, bitte!

  6. Lethe schrieb:

    Ich finde das Kleid steht dir ausgezeichnet, näh dir unbedingt auch noch eins ;)
    Vintage hat völlig zu recht gesiegt :D

  7. Steffi schrieb:

    Das Kleid gefällt mir in den Farben sogar fast noch besser, als in der Burda.
    Es steht dir außerdem sehr gut und ich kann Lethe nur zustimmen, du brauchst unbedingt auch so eins!

  8. Blaubeermuffin schrieb:

    Ich liebäugle auch schon mit dem Schnitt, seitdem das Heft erschienen ist. Hab mich allerdings noch nicht dran gesetzt, beziehungsweise nie den richtigen Stoff gefunden, der geschrien hat „Ich will dieses Kleid werden!“. Doch wenn ich jetzt sehe, wie toll es aussieht, werde ich mich sofort daran machen. :D

  9. Trollkatze schrieb:

    Mensch Soda, ob du es magst oder nicht: Es steht dir aber verdammt gut! Außerdem hast du mit deiner neuen Frisur damals bereits unbewusst den Grundstein dafür gelegt. ;-)

  10. Agnes schrieb:

    Ich weiß genau, wovon du sprichst. Ich hasse Steampunk. Nun eigentlich hasse ich es nicht, ich liebe es, aber alle andern tun das auch und jeder muss jetzt irgendwo irgendwas mit Zanhrädern drauf haben und alle versuchen, ihren Profit rauszuschlagen. Das kotzt mich an. Vor allem auch, weil kaum einer wirklich Ahnung hat davon und alle gleich aussehn. Und deswegen mach ich kein Steampunk, hab ich vor einiger Zeit noch gesagt. Aber jetzt hab ich doch wieder angefangen, Sachen zu nähen und zu basteln und ich bin happy drüber. Kleidchen steht dir übrigens hervorragend. Hat was von Wednesday Adams irgendwie.

  11. Hana schrieb:

    Klugscheißerfrage: Ist das nicht eher retro als vintage? :D

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