Latente Verbrecher und degenerierte Aristokraten

3. März 2012 (15:24 h) – Tags: ,

Ich habe die „Jugendstil“-Zeichnung zum Abschluss gebracht. Ich bin von meiner Arbeit nicht völlig überzeugt und deshalb fehlte mir gegen Ende auch etwas der Elan, aber ich habe fürs nächste Mal Einiges gelernt. Und darauf kommt es am Ende ja auch an. Jedenfalls nenne ich die Zeichnung an diesem Punkt fertig:

Diesen nicht übermäßig originellen Hintergrund mit ubiquitärem Rundschnörkel habe ich noch dazugefügt. Die Farben habe ich im Bereich braun-dunkelblau gelassen. Während des Zeichnens im Photoshop war ich einmal mit meinen Shortcut verrutscht und statt Strg+U (Farben / Sättigung / Helligkeit ändern) bin ich bei Strg+I (Farben invertieren) gelandet. Das ergab auf dem hellen Hintergrund mit der Papierstruktur ein dunkles Blau mit hellen Strenkeln. Das Weltall! Nachdem ich den Effekt entdeckt hatte, musste ich ihn natürlich auch verwenden. Also habe ich das Weltall noch etwas verbessert und mittig in meinen Rundschnörkel gesetzt. In Kombination mit den Brauntönes des restlichen Bildes könnte man jetzt auch ein Steampunk-Raumschiff hineininterpretieren. Seht ihr wir aufwändig der Innenraum und die Bullaugen dekoriert sind? Von rechts zieht es herein weil jemand die Luftaufwertungsmaschine zu stark eingestellt hat. Das hat sich bestimmt Jules Verne ausgedacht.

Ähm, ja. Das Steampunkt-Raumschiff war nicht beabsichtigt und ist nochmal eine ganz andere Geschichte. Reden wir lieber über den Text unten rechts. Weil ich das Laken und die Schärpe nicht ordentlich zuende gemalt hatte und dann aber auch nicht so viel vom unteren Rand wegschneiden wollte, habe ich diese Stufe mit Schnörkel eingebaut. Und die schrie nach einen mehr oder weniger sinnigen Text, der den leeren Raum dekorativ ausfüllen sollte. Ich war schon fast so weit etwas völlig Profanes zu schreiben, denn ich wollte ja lediglich den Zierwert der Buchstaben nutzen. Auf Grundlage des Ästhetizismus könnte man den Blanktext übrigens bis zur Kunstform hochargumentieren, wenn man denn wollte. Während ich also über Nutz- und Zierwert von Buchstaben nachdachte, kam mir ein Zitat in den Sinn, das ich vor sehr langer Zeit mal irgendwo kontextlos aufgeschnappt hatte. Unser aller Freund Google wusste natürlich mehr und so landete ich schnell bei Adolf Loos und seiner Streitschrift „Ornament und Verbrechen“ aus den Jahr 1908. Loos war Architekt und wandte sich gegen die übermäßigen Verzierungen und Ornamentalisierungen von Gebrauchsgegenständen und Gebäuden. Man mag argumentieren, dass er dabei ebenso übers Ziel hinaus schoss, aber das ist bei den radikalen Stilwechseln in der Kunstgeschichte ja öfter der Fall. Jedenfalls bezeichnet Loos das Ornament als Verbrechen, als nutzloses, arbeitszeitraubendes Symbol einer rückschrittlichen Gesellschaft. Auch wenn ich eher Freund einer ausdekorierten Ästhetik bin kann ich seinen Punkt nicht vom Tisch weisen. Wer sich selber mal einen Eindruck verschaffen möchte findet hier Auszüge aus „Ornament und Verbrechen“. Vor allem der einleitende Absatz in dem Loos über tätowierte Menschen spricht entbehrt aus heutiger Perspektive nicht einer gewissen absurden Komik.

Warum aber nun gerade Adolf Loos unter einem Versuch sich an den Jugendstil heranzuprischen? Ich empfand den zitierten Satz als ganz passend und ein wenig ironisch, denn das was ich da mache ist ja gerade der Versuch nichts Neues zu erschaffen sondern Altes erneut und ohne großen persönlichen Einfluss durchzukauen. Also kein neues Ornament, wohl aber ein Ornament. Mit etwas Augenzwinkern.

Wollen wir aber nochmal zu meiner Zeichnung zurückkehren und ein paar Details anschauen. Hier sehen wir einige Dinge die ich gelernt habe. Plastische Effekte reduzieren: Die Haare sind fast gar nicht schattiert und bei der Haut habe ich mich ja auch zu weniger Lichteffekten gezwungen. Im Kontrast dazu stehen das deutlicher ausgearbeitete Laken und die unruhigen Bereiche mit dem kleinteiligen Schmuck. Farbige Schatten: Sind eigentlich immer wichtig und in jedes Bild einzuarbeiten. Hier bin ich mit den Farben aber etwas mutiger gewesen und habe flächig mit rot und grün gearbeitet. Die Hautfarbe versucht nichteinmal realistisch zu wirken. Linienstärken: Die äußere Kontur ist dicker als die inneren, die ich teilweise auch in braun statt schwarz gemacht habe. Wirkt auf uns erstmal wie ein Comic, hatte um die Jahrhundertwende aber einen anderen Effekt. Generell gilt: Lieber flächig und ornamental als realistisch. Die Auflösung „realistischer“ Details wie Haare oder Stofffalten in zweidimensionale Ornamente. Man kann sich da wirklich einiges erlauben, aber es ist erstmal ziemlich schwer sich von den gängigen Vorstellungen und dem üblichen Versuch einer realistischen Darstellung zu lösen. Fand ich zumindest.

Hier habe ich nochmal einen anderen Ausschnitt gewählt. Weil mir nämlich aufgefallen ist, dass ich mich selber wesentlich einfacher davon überzeugen kann hier einen unbekannten Mucha auf dem Bildschirm zu haben, wenn ich nicht das Gesicht meiner Figur sehe. Die Schärpe zum Beispiel finde ich schon total gelungen.

Was ist also das Problem mit dem Gesicht? Das hatte ich neulich schon kurz angeschnitten. Es liegt bereits an der Linienzeichnung. Hier hat ein Bewohner des einundzwanzigsten Jahrhunderts das gemalt was er für eine hübsche weibliche Person hielt. Schönheitsideale ändern sich aber laufend. Wie wichtig es ist sowas zu berücksichtigen war mir noch nicht klar als ich meine Vorzeichnung gemacht habe. Inzwischen habe ich gesehen, dass Miss Jugendstil niemals eine so deutliche Kinnlinie hätte. Wenn möglich hätte sie den Kopf weiter in den Nacken gelegt und es hätte diese typische Unterperspektive gegeben. Sie hätte auch keine so schmalen Arme und ihr Augenaufschlag wäre sehr viel lasziver. Überhaupt wäre mehr Ungefähres in ihrem Gesicht. Ein bisschen Trauer und Entrückung.

So weit also mein vorläufiges Fazit zum Projekt „Jugendstil“. Ich habe einiges gelernt, viel entdeckt und es war sehr spannend sich mal in diese Epoche hineinzuvertiefen. Natürlich würde ich damit gerne weiter machen und mich auch zeichnerisch weiter verbessern, aber es stehen auch noch viele andere Projekte um mich herum und scharren mit den Füßen. Was ich als nächstes mache hab ich noch nicht entschieden, also haltet bitte nicht den Atem an ;)

8 Kommentare zu “Latente Verbrecher und degenerierte Aristokraten”

  1. Kiyhuri schrieb:

    <3
    Ganz ehrlich: Das Bild würde ich mir sofort in meine Wohnung hängen.

    Der Weltraum-Effekt, der dir da "passiert" ist, rückt die Figur irgendwie in den Zustand einer Mondpronzessin. Außerdem hast du damit meiner Meinung nach auch noch ein Stück mehr von dir eingebracht. :) Denn auch wenn du mit diesem Projekt Mucha und den Jugendstil weitestgehend kopieren wolltest, finde ich es großartig, dass eben doch Elemente des 21. Jahrhunderts eingeflossen sind und die alte Kunstform dadurch neu interpretieren, ohne zu weit davon abzuweichen. – Das Zitat ist in diesem Sinne auch sehr treffend.
    (Und der Auszug über die Tätowierten…omg, wir leben in einer Welt voller Schwerverbrecher…?! Allerdings relativiert sich das ja auch, vor allem, wenn man selbst tätowiert ist. *lach)

    So. Jetzt hätte ich Lust, den Jugendstil mal in der Bildbearbeitung auf Basis der Fotografie auszubrobieren. Mal sehen, obs glückt.

  2. Centi schrieb:

    Mir gefällt dein Bild ganz ausgezeichnet. Die Schärpe ist wirklich sehr schön geworden – Stoff zu hinzukriegen, dass er an flatternden Stoff denken lässt, ohne ganz genau so auszusehen, ist wirklich schwierig, finde ich.
    Außerdem hast du da einen sehr schönen Aquarelleffekt am Kleid und im Hintergrund hingebastelt.
    Dass deine Miss Jugenstil so zeitgemäß aussieht, stört mich gar nicht, im Gegenteil – die die aussehen wie von Mucha hat ja Mucha schon gemalt. :)

  3. Teleri schrieb:

    Hmm..mit dem Gesicht hast du irgendwie Recht. Vielleicht hätte sie (gerade jetzt, da der Hintergrund dabei ist) eher mit leicht offenem Mund nach links oben schauen sollen. Oder wie der Sommer in einem von Muchas Jahreszeitenbildern. Wobei mir mal wieder auffällt, dass ich in diesem einen Zimmer hier mal drei Mucha-Poster gleichzeitig hängen hatte (jetzt sind es aus Platzgründen nur noch zwei, aber ich vermisse das dritte).

    Tropsdem sehr gelungen. Ich neige mein Haupt vor dieser Fisselarbeit und bestelle einen Abzug. Ein echter Sodcha!

    PS: NatrönundSöda.net *kicher*
    PPS: Auch in Nahaufnahme Auge in der Pyramide.. ich kann mich nicht dagegen wehren.

  4. Tiallu Illuwyd schrieb:

    Ich kann nur sagen, dass ich das Bild einfach nur bezaubernd finde und es mir zu gern als Kunstdruck in mein Hobbyzimmer hängen würde. Bestünde die Möglichkeit einen Abzug zu erhalten?

    Einen echten Soda an der Wand, das wäre es doch.
    Durch den leichten Weltraumbezug des Bildes und Kiyhuris Kommentar muss ich die ganze Zeit an Prinzessin Leia denken, auch wenn die Dame auf dem Bild und sie rein äußerlich überhaupt keine Ähnlichkeit besitzen.

  5. kiko schrieb:

    Schick!
    Bringst Du Dir die Photoshop skills selbst bei?

  6. Soda schrieb:

    @Tiallu Illuwyd: Wenn du magst könnte ich nächste Woche mal in den Copyshop traben und mich erkundigen was ein Druck kosten würde. Ich hab gerade nicht im Kopf wie groß die Zeichnung eigentlich ist, aber ganz riesig ist sie nicht, ich guck dann mal wegen der Größe. Kannst mich ja im Forum mal per PN anschreiben. :)

    @kiko: Danke. Ganz am Anfang hab ich mir von Natron ein paar Grundlagen zeigen lassen. Den Rest lerne ich vor allem durchs Probieren. Manchmal lese ich auch Tutorials auf Deviantart (wenn sie kurz sind *g*).

  7. Die Rote IRis schrieb:

    Ich finde das Zitat super. Die Ironie verleiht dem Bild nochmals eine ganz neue Dimension.

  8. Julia schrieb:

    wow, ich find besonders die haare ganz fantastisch
    hab das hier via tumblr entdeckt und musste an dein bild denken

    http://marasbazaar.tumblr.com/post/18645312413/tumblino-one-of-my-absolute-favorite-things-are

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