Andys Omas Garten*

10. Juni 2012 (19:34 h) – Tags: , ,

 Stimmung: So gut bin ich eigentlich gar nicht drauf...:(

Hatte frei und bin durch die Stadt gerannt. Wollte mit Kultur den Mist des Alltags von der Seele spülen. Außerdem war Natron da und das Wetter schön.

Sonnabend waren wir im Deutschen Historischen Museum im Zeughaus von Berlin. Da läuft momentan (noch bis 29. Juli) eine Sonderausstellung zur Modegeschichte: „Fashioning Fashion“. Meine rührigen User waren natürlich schon da, und nach ihren Kommentaren gehend hatte ich eine „kleine“ Ausstellung erwartet die Natron und ich in einer Stunde durch hätten. Dem war aber nicht so. Die Ausstellung beschäftigt sich anhand von Originalstücken mit der Mode zwischen 1700 und 1915. Der beeindruckende Wandel der Silhouetten wird genauso beschrieben wie die (Ver-)Formung des Körpers und die Pracht, Verzierung und Texturierung von Stoffen. Robe á la francaise, Jane Austens Empirekleider, die Turnüre und Sans-Ventre-Linie: Alle sind dabei. Dazu die entsprechende Herrenmode (mitunter nicht weniger absurd) und viel, viel Goldstickerei, Klöppelspitze und geschnittener Samt. Wer ein Interesse an Kostümgeschichte und generell dem Wandel der Mode hat, ist dort gut aufgehoben. Wenn man nicht einfach durchlatscht sondern sich mit den Stücken beschäftigt, sie entdeckt und diskutiert, kann man dort den ganzen Tag verbringen und ist hinterher viel zu platt um noch das restliche Museum zu besuchen. Glaubt mir.

Glücklicherweise waren wir vorher auf dem kleinen Trödel-/Touristenfang-Markt hinter dem Bodemuseum. Ich bilde mir ja immer ein, wenn ich drei Mal im Jahr über einen Trödelmarkt schlendere und dabei einen halben Blick auf vier Bücherkisten werfe, werde ich irgendwann eine Originalausgabe von Stefan George finden. Ahem. Diesmal habe ich immerhin ein paar alte Fotos mitgebracht.

Die haben spontan Geschichten in meinem Kopf ausgelöst. Das ganz rechte mit dem kleinen Wanderer am Bergeshang will ich zusammen mit einer Abschrift von Stefan Georges Gedicht Der Tag des Hirten in einen Rahmen setzen. Die Datierung auf der Rückseite ist vom 5. April 1897, also nur zwei Jahre nach Entstehung des Gedichtes. Und der junge Mann, der durch die beeindruckende Natur zum Berggipfel emporsteigt, hat mich an Georges Bild des über die Welt erhobenen Künstlers erinnert.

Das war dann aber auch genug Kultur für einen durchschnittlichen Sonnabend. Wir hatten ja auch noch eine Verabredung zum Grillen. Mit DrowningOphelia auf der Datsche ihrer Eltern.

Das war total gemütlich und entspannt. Und so Laubenpiepen haben ja ihren ganz eigenen Charme. Wenn ich mal groß bin, hätte ich auch gerne so einen urbanen Garten. Ein bisschen rumpelig, aber mit Apfelbaum und wunderschönen alten Bodenfliesen.

Grillen ohne männliche Freunde hat ja eine ganz andere, entspannte Qualität. Und endlich mal Keiner, der blöde Sprüche über fehlende Tierleichen auf dem Grill macht. Ganz lockeres vegetarisches Grillen mit Mädchenbier und Fußball auf dem Smartphone. Denn Fußball war natürlich auch und ist vor allem zu Natrons Freude gut ausgegangen.

Später gabs dann noch geröstete Marshmallows und da seht ihr auch, was ich für eine elendige Frierliesel bin. Zwei Jacken während Natron noch im T-Shirt rumsitzt.

Heute gab es dann noch mal Museum. Ich gehe mit niemanden so gerne in Ausstellungen wie mit Natron und muss es deshalb immer ausnutzen, wenn sie an der Spree ist oder ich an der Alster bin. Außerdem fühlte ich mich irgendwie persönlich angesprochen, als ich neulich über eine Ausstellung zur Kultur des Selbermachens las: „Do It Yourself – Die Mitmach-Revolution“ im Museum für Kommunikation (noch bis 2. September). Das ist ja quasi Pflichtprogramm für Natron und Soda. Schon alleine das Poster der Ausstellung auf dem die „Freiheit, das Volk anführend“ mit Hammer und Schraubzwinge bewaffnet ist, finde ich grandios.

Ich war noch nie im Museum für Kommunikation und entsprechend beeindruckt vom klassizistischen Prunkbau und der wirklich ansprechenden Gestaltung der Themen im Inneren.

Im Lichthof begrüßen einen drei Roboter die sich selbsständig über den Hof bewegen, einen Ball jagen und die Besucher von der Seite anquatschen. Ganz entzückend. Die haben wir sofort ins Herz geschlossen. Und weil im Museum wirklich absolut nichts los war, hatten die Mitarbeiter auch Zeit uns noch einen Schwang zum Lichthof und seinen Bewohnern zu erzählen.

Die DIY-Ausstellung im zweiten Stock war dann auch wirklich spannend, toll umgesetzt und hat auch Natron und mir, die wir uns wirklich schon viele Gedanken über das was wir tun und warum wir es tun gemacht haben, noch etliche interessante Denkanstöße gegeben. Selbermachen ist sehr viel und funktioniert auf sehr vielen Ebenen: Beschäftigungstherapie, gesellschaftlicher Normerhalt, Bewahrung und Veränderung der Welt, persönliche Freiheit, Kommerzialisierung, Revolutionsbewegung… Um mal einige Aspekte der Ausstellung zu nennen. Wer also in Berlin ist und sein Hobby mal hinterfragen will, dem sei das MFK sehr ans Herz gelegt.

Nicht zuletzt wegen der wirklich liebevollen Ausstattung. Im Spiegel des Toilettenvorraums kann man zB als Briefmarke posieren. Wir waren heute nur in der Sonderausstellung und haben danach noch eine Weile über das Thema diskutiert. Ich hätte aber Lust auch das restliche Museum mal anzusehen. Irgendwann mit Natron.

*“Andys Omas Garten“ war zu meinen Abiturzeiten eine feste Partylocation für meine Freunde (darunter jener Andy) und mich. Ich habe die Oma nie kennengelernt und inzwischen auch keinen Kontakt mehr zu irgendwem aus der Zeit, aber an die Laube erinnere ich mich noch gerne.

6 Kommentare zu “Andys Omas Garten*”

  1. Ophelia schrieb:

    Weißt du, was an dem vegetarischen Grillen noch toll war? Ich habe noch nie so locker-flockig ein Grillrost wieder sauber bekommen. :D

  2. Mellu schrieb:

    Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum ist sooo schön. Selbst mein nicht-nähender sich nicht für Kostüme, Kleidung etc. interessierender Freund war beeindruckt.

    Danke für den Tipp mit der DYI-Ausstellung, das merk ich mir mal für meinen Urlaub vor :)

  3. Nachtdrossel schrieb:

    Das Deutsche Historische Museum ist bei mir auch noch eingeplant. Bin schon sehr gespannt auf die Ausstellung.
    Im Museum für Kommunikation war ich letztes Jahr um die Sonderausstellung Fashion Talks zu sehen. Der Rest des Museums lohnt sich auch, ist wirklich interessant und man kann tolle Dinge entdecken.

  4. Phosphor schrieb:

    Ich hoffe es geht dir bald besser und die Ausflüge haben geholfen.

  5. ette schrieb:

    Schade, die Ausstellungen klingen toll, sind nur leider ein wenig zu weit weg. Und um das Grillen beneide ich dich auch. Wenn man weder Garten noch Balkon hat, kann man ausser gelegentlichen Ausflügen mit Einmalgrills nicht wirklich was reissen. Wobei ich die Anschaffung eines kleinen handlichen Kugelgrills plane, wider den Müll!
    Habe durch den Titel übrigens unbewusst die Dame auf dem mittleren Foto mit der Gartenparty verknüpft. *gg* Dieses Tischchen sah auf den ersten Blick so aus wie einer dieser Gusseisernen Tischchen für Draussen. Jetzt bin ich fast enttäuscht, dass er Troddeln hat. (andererseits: Troddeln!!! wah! an einem Tisch! hihihi *auchausprobierengeh*)

  6. In Blogs und Zines | DIY: Die Mitmach-Revolution schrieb:

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