Ljubel-ljubel-freu-freu!

31. Juli 2013 (17:07 h) – Tags: ,

Musik: From Flood Into Fire 

Wenn man 1000 Kilometer in Richtung Südosten fährt, dann kann man auch erwarten, dass man einen tollen Urlaub hat. Ja, auch mein drittes METALCAMP (inzwischen heißt es ja Metaldays) war der Hammer. Anstrengend, ja. Knallheiß, ja. Aber genauso lustig, bescheuert und unvergesslich wie ich es erhofft hatte.

Die An- und Abreise meisterten wir größtenteils im Konvoi, mit drei Autos. Dabei erwiesen sich die Funkgeräte, die unsere Jungs spielzeugbegeistert eingekauft hatten, als sehr sinnvoll. Schon vor der Ankunft in Tolmin lernten wir andere Metaller kennen die zufällig auf dem gleichen Kanal funkten. Und neben Richtungsanweisungen und Warnungen vor Gegenverkehr in den Serpentinen konnte man seinen Mitfahrern natürlich auch ganze Songs vorsingen. Tons of neverending fun.

Nach Zusammentreffen und Funkgeräteausgabe in Nürnberg Feucht, Vignettenkauf in Hochfelln und Tanken in Hallein stand auch der Punkt „Gruppenfoto auf dem Predilpass“ auf der Reiseroute. Diesmal in größerer Gruppe, der Gesamteindruck leidet allerdings etwas unter dem weißen Shirts rechts. Keine Ahnung was das für eine Band sein soll.

Hinter irgendeinem Tunnel war das eigentlich ganz gute Wetter plötzlich umgeschlagen. Wir waren Samstag sehr spät erst in Tolmin und wollten keine Frühanreisergebühr mehr zahlen, für eine Stunde. Also haben wir bis Null Uhr gewartet und anschließend noch hinlänglich die Platzierung von Pavillons und Zelten diskutiert, so dass wir am Ende – man mag es kaum glauben – im Regen aufbauen mussten. Unselige Erinnerungen an das Beastival, nur dass diesmal keiner eine anständige Regenjacke dabei hatte.

Die Sorge blieb aber unbegründet, der Regen war Sonntag Morgen verschwunden. Die Sonne prügelte uns wie immer um acht aus den Schlafsäcken. War auch okay, wir wollten schließlich alle an den Strand. Endlich wieder ins eiskalte Wasser rennen, um Luftmatratzen kämpfen und die ziemlich riesigen Badeinseln einweihen. Große Freude.

Am Strand besorgten wir uns Paycards (an den Bier- und Fressiständen wird nicht bar bezahlt) und dann was zu essen. Und da gab es nur einen Stand und der hatte nur veganes Essen. Großes Genöhle bei den Männchen. Die wirklich ziemlich fragwürdigen Burger der letzten Jahre wären ihnen lieber gewesen. Nach ein wenig Gemecker probierten sie dann immerhin. Und sieh mal einer an! Seitan schmeckt gar nicht so mies. Ich habe ein episches Foto von meinem Kumpel und seinem ersten Veggieburger gemacht, aber das kann ich euch leider nicht zeigen.

Der Sonntag ging ja noch weiter, wir kehrten ins Camp zurück, die Nachzügler trafen ein, der Grill wurde angeworfen und die Rumflaschen rausgeholt. Sonntag spielte noch keine Band, also hatten wir viel Zeit zum Rumhängen und Rumtrinken. Und irgendwo in dem ganzen Gefeier, beim Kennenlernen der Zeltnachbarn, Absingen der üblichen Lieder und allem was man so macht in seiner Begeisterung und Vorfreude auf das Festival, da habe ich meine rosafarbene Kamera verloren. Weg, diesmal endgültig. Zugegeben, es wäre schlimmer gewesen sie am Freitag, voll mit dreihundert epischen Fotos, zu verlieren. Aber trotzdem. Zu allem Überfluss hatte das Smartphone die Hitze nicht verkraftet und sich tiefenentladen, so dass es die ganze Woche über im Koma lag und erst jetzt, nach einer Nacht guten Berliner Stroms, wieder von den Toten zurückgekehrt ist. Ich habe also nichts fotografieren können. Umsomehr Dank an meine Freunde, deren Bilder ich hier schamlos verwende. Vor allem die Bilde,r die Ophelia mit ihrer wasserdichten Kamera gemacht hat, mag ich. Manchmal war die Linse beschlagen, aber das hat dann so einen hübschen Urlaub-in-den-Siebzigern-Effekt.

Am Montag konnte man ja in den Ort fahren und was einkaufen, außerdem musste der Strand wieder besucht werden und dann ging es auch endlich Bands angucken. Die ersten auf meiner Liste waren Ensiferum. Der Sound war nicht der beste, aber sie haben trotzdem Spaß gemacht. Danach spielten Overkill, die ich mir aber vom Camp aus anhörte. Wir haben diesmal ziemlich weit vorne gezeltet, in Wackener Dimensionen wäre in dieser Entfernung zur Bühne nicht unser Camp sondern ein Bierstand gewesen.  Man hatte dadurch auch am Zelt noch einen guten Sound und nicht nur vermatschten Hintergrundlärm. Ich fand das ganz gut weil ich auch gerne mal eine Band unterschätze (Wintersun? Wenn Red die hört ist das sinnloses Geschrabbel, die guck ich mir nicht an!) und hier meinen Eindruck durchaus korrigieren konnte. Der Nachteil war, dass zum Beispiel Hypocrisy so laut und so gut waren, dass aus meiner geplanten Stunde Nachmittagsschläfchen gar nichts wurde.

Das hier war Dienstag, aber so haben wir fast jeden Morgen weitergeschlafen nachdem die Sonne aufging und es in den Zelten zu warm wurde. Man beachte auf meiner Luftmatratze das Ahh-Kissen, Flauschidecke und Schmuseelephant (und das Grumpycat-Schlafshirt dem ich wirklich alle Ehre gemacht habe).

Montag Abend spielten In Flames. Als ich sagte, dass ich die noch nie live gesehen habe brachen alle in große Ungläubigkeit aus. Ich ging also mit, auch wenn die Songs mich nicht komplett vom Hocker reißen, sollte ja die Bühnenshow toll sein. Natron hätte mir allerdings sagen können, dass man für In Flames auch um 23 h noch eine Sonnenbrille mitnehmen muss. Die live eingespielte Lichtshow war so beeindruckend und bombastisch, dass wir später alle mit verblendeter Netzhaut schlafen gingen. Respekt, In Flames!

Gegen Ende der Show wurde es am Bierstand unruhig. Der Paycard-Server war ausgefallen und man konnte auf dem gesamten Gelände nichts mehr kaufen. Das wäre mit den Metalcamp-Dollars der vorherigen Jahre nicht passiert. Die Leute nahmen es aber mit der größten Lässigkeit, trommelten zusammen mit den Barleuten auf den Theken und tranken am Ende das schon gezapfte Bier für lau. Am nächsten Morgen war der Server wieder da und ich denke, der Veranstalter hat in der trockenen Zeit wohl den größeren Verlust erfahren.

Am Dienstag probierten wir mal aus was passiert wenn man direkt vom Strand in die Knallsonne vor der Bühne geht. Mustasch spielten um 16.40 h. Es standen dreieinhalb Hardcore-Fans vorne, der Rest drängelte sich in dem wenigen Schatten vorm Turm und unter den Bäumen. Wie Arkona sich später mit ihren Pelzumhängen geschlagen haben, hab ich mir gar nicht erst angesehen. Das ist dann halt der Nachteil vom diesjährig noch viel drückenderen slowenischen Bombenwetter. Tagsüber einfach mal so eine Band anschauen wird regelmäßig vom viel zu verlockenden Strand sabotiert.

Wir mussten dann aber sowieso erstmal zurück ins Camp, zum Essen. Ophelias Freund hatte für uns alle gekocht. Es gab lecker Curry, sowohl in vegetarischer als auch in Carnivoren-Version. Ich koche ja schon zu Hause nicht und auf einem Festival bin ich normalerweise froh, nicht krank zu werden von dem ganzen Murks den ich da so esse. Insofern war liebevoll zubereitetes Essen ein echtes Highlight. Der Koch kann was, der muss jetzt immer bei uns zelten!

Auf meiner Running Order (in diesem Jahr war sie etwas größer und hieß deshalb „Der Putzplan“) waren für Dienstag noch Alestorm markiert. Als die das letzte Mal in Berlin gespielt hatten war ich krank und konnte nicht hingehen. Diesmal war Alestorm krank, aber spielten trotzdem. Der Sänger kam auf die Bühne mit den Worten „I have to inform you that I am currently suffering from food poisoning and may vomit at any time!“. Tatsächlich hat man ihm sehr deutlich angemerkt, dass er sich wirklich gequält hat. Tat mir echt leid, ich hätte gerne eine Get-well-soon-Karte geschrieben. Insofern waren Alestorm in ihrem Enthusiasmus etwas vermindert, haben aber meinen größten Respekt fürs Durchhalten.

Es hieß dann von Besitzern funktionierender Smartphones immer wieder, dass es auch noch schlechtes Wetter geben sollte. Glücklicherweise strich sich das auf einen dreiviertel Tag zusammen, nämlich den Mittwoch. Da wollten wir ursprünglich wandern gehen. Blieben dann aber im Camp und hielten unsere Pavillons fest. Es ging ein recht amtliches Gewitter nieder und der auf die Zeltdächer prasselnde Regen übertönte zwischenzeitlich die Bühne. Nebenan brach der Pavillon zusammen, so dass unsere Zeltnachbarn bei uns Asyl suchten. Die ganze Zeit konnte man aber unbesorgt im T-Shirt rumspringen, es waren trotz Beastival-Niederschlägen noch immer locker zehn Grad mehr als in Geiselwind.

Weil ich grad da saß rettete ich Ophelias Kamera vor dem Regen. Und machte gleich mal ein paar Bilder, unter anderem ein doofes Foto mit Red, als Überraschung für wenn die Kamerabesitzerin (nichtsahnend im Hintergrund) dann ihre Ausbeute durchguckt.

Schlussendlich wurde der Regen weniger. Auf sechs mal sechs Meter Pavillon beschränkt kam dann irgendwem die Idee seine Nerf-Gun rauszuholen und sehr schnell waren alle wieder sieben Jahre alt. Großer Spaß.

Als es dann gegen acht  Uhr aufhörte zu regnen und wir bei Turisas vor der Bühne standen, strichen sich die Finnen das bessere Wetter gleich mal als ihren Verdienst ein. Schließlich singen sie in einem Song „pushing the clouds aside“. Eine nicht ganz haltbare These, aber ein wirklich tolles Konzert. Turisas kündigten ein neues Album für August an, ich bin gespannt. Bei einem ihrer letzten Songs bildeten meine Freunde spontan eine tribe-interne Acht-Personen-Wall-Of-Death mit anschließendem Mini-Moshpit. Ein großes Vergnügen was von nun an bei jeder Gelegenheit zu wiederholen ist.

Nach Turisas wechselten wir zur kleinen Bühne. Weil der Pizzastand da direkt gegenüber ist und weil die Band die für die Second Stage angekündigt war den ulkigen Namen Sabbath Judas Sabbath trug. Mal reinhören. Sie entpuppten sich als Coverband mit stimmlich sehr gutem Sänger. Als Tribut an Dio hätte er ein hässlicheres Hemd anhaben können, aber auch so hatten wir viel Spaß und haben lauthals Klassiker wie „Neon Knights“ und „Heaven And Hell“ mitgesungen.

Für Donnerstag waren dann um 16.40 h Subway To Sally angekündigt. Vor sehr langer Zeit mochte ich die mal sehr gerne. Seit dem „Hochzeit“-Album kamen wir aber immer weniger miteinander klar und gehen nun schon lange getrennte Wege. Nichtsdestoweniger wollte ich mal reinhören. Vom Hügel aus, sitzend, ohne Erwartungen.

Erstmal mussten wir aber unsere Wanderung noch absolvieren. Die unglaubliche, wunderschöne Klamm vom letzten Jahr sollte wieder besucht werden. Diesmal kamen auch alle mit um tropische Vegetation, das türkisfarbe Wasser der Tolminka und die gigantischen Steinwände zu bestaunen. Ich war zugegeben nicht ganz fit. Es war wieder mehr als mollig warm und meine offenbar noch nicht ganz kurierte Mandelentzündung tat ihr übriges um meinen Kreislauf zu schwächen. Aber ich wußte ja mit was ich belohnt würde, also schleppt ich mich etwas quengelig voran. Bis zur Höhle, in die wir im letzten Jahr nur vorsichtig reingetastet waren. Da legte mein Kopf den Schalter um und ich musste unbedingt so weit klettern wie es mit Turnschuhen und Taschenlampe zwischen den Zähnen halt ging. Müdigkeit und schlechte Laune weggeblasen. Es ging das Gerücht, dass sich hinter der Steigung an der wir aufgeben mussten ein großer Dom befände, also haben meine Freunde und ich beschlossen im nächsten Jahr der Herausforderung besser ausgerüstet entgegenzutreten. Yay.

Die Wanderung schlängelte sich dann weiter durch die Schlucht, eine pittoreske Aussicht jagte die nächste. Als wir am Flussbett ankamen mussten sich unsere Männchen erbarmungslos ins vier Grad kalte Gletscherwasser werfen. Ich sparte mir das, füllte aber immerhin Flusswasser in meine Trinkflasche.

Mein Lieblingsbild. Wir geben eine Horde wunderschöner Höhlentrolle ab.

Wir beschlossen auf dem Rückweg in Tolmin Pizza essen zu gehen. Eine der besten Entscheidungen der Woche. Riesige, wunderbare, superleckere Pizza und eiskaltes Laško-Bier. Und dann war es auf einmal schon fünf und Subway To Sally mussten ohne uns auskommen. Seis drum.

Mein viel wichtigerer Bühnentermin am Donnerstag waren ohnehin Iced Earth. Da wir aber von der Wanderung zurückgekehrt schon wieder so überhitzt waren, dass wir noch schnell runter an den Strand mussten, war ich zwischenzeitlich so platt, dass eine Stunde Schlaf nach einer echt guten Idee klang. Fanden Hypocrisy nicht. Ich habe aber trotzdem wenigstens zwanzig Minuten geschlafen und wurde dann per Funkgerät von den Freunden vor der Bühne geweckt, so dass ich bei Iced Earth wieder fit und rechtzeitig zurück war. Und ach, Iced Earth! Wer einen so großartigen Sänger wie Matt Barlow durch einen so würdigen Nachfolger ersetzen kann, der taugt halt einfach. Der neue Sänger war fantastisch, das aktuelle Album ist der Hammer und dann haben sie auch noch etliche Klassiker und zwei Zugaben gespielt. Große Begeisterung! Zu diesem Zeitpunkt mein absolutes Festivalhighlight. Natron hat sich auch gleich den Patch gekauft um den sie schon so lange rumhampelt.

Freitag wieder das übliche Programm: Strand. Ich hatte im letzten Jahr mit Ophelia eine Luftmatratzen-Flusstour gemacht bei der wir zum weitest entfernten Strand gelaufen sind und uns dann die Soča hinunter treiben lassen haben, bis zur Mündung der Tolminka wo wir üblicherweise baden. Diese Tour musste natürlich wiederholt werden und diesmal war auch Natron dabei. Eine halbe Stunde lang ließen wir die Landschaft an uns vorüberziehen. Entdeckten eine Wasserschlange, machten doofe Amon-Amarth-Witzchen („The serpent rises from the waves“) und wurde bei unserer Ankunft an der Mündung von uns unbekannten Briten geentert.

Unsere Freunde hatten Lager am Tolminkastrand bezogen, also mussten wir auch alle nochmal in den kälteren Fluss springen. Und Steine aussuchen, die dann mitkommen und zusammen mit denen der letzten Jahre als Schnittmusterbeschwerer dienen können. Nach zehn Minuten waren meine Beine so weggefroren, dass es im Fluss ganz angenehm war. Und da kamen dann plötzlich zwei Herren der berittenen Polizei an den Strand, führten ihre Pferde ins Wasser und ließen sie trinken. Keine fünf Meter neben uns. Ich bin ja überzeugt, dass weiter oben an der Tolminka, in der Klamm, wo es so unglaublich schön ist, Einhörner ans Ufer kommen um zu trinken. An der Mündung sind es Pferde, das beweist irgendwie meine Theorie.

Als wir dann aufwärmend mit einem Bierchen in der Sonne standen, kam auch noch jemand anderes an den Strand runter um uns zu treffen. Powerwolf. Die hatten nicht viel Zeit, aber wir hatten uns verabredet um sie wenigstens kurz zu sehen. Ich hab mich wirklich gefreut mal wieder mit den Wölfen zu quatschen, ein Kumpel konnte sein Shirt signieren lassen und als es dann hieß Powerwolf spielen in Berlin bei den Metal Hammer Awards vor Kreator, stand fest, dass wir uns da wiedersehen werden.

Kurz nachdem die Powerwölf sich Richtung Schminktisch verabschiedet hatten, wurde es an der Metalkaraoke-Bühne am Strand voll. Seltener Zustand. Mal gucken was da los ist. Auf der Bühne stand das hinreißende, goldhaarige Kind, das schon am Abend zuvor „I Died For You“ mit Iced Earth gesungen hatte. Laut Internet ist Jadran Mihelčić (er ist erst acht!) ein ziemlicher Star in seiner Heimat Kroatien. Iced Earth hatte ihn wohl spontan auf die Bühne geholt und auch am Strand hat er mit „Sweet Child O‘ Mine“ (Oh, diese Ironie!) und „Enter Sandman“  wirklich gerockt. Gestandene Metaller in Badehosen waren von einem Grundschulkind total entzückt. Hier gibt es sogar ein Video dazu.

Wir rissen uns schließlich schweren Herzens vom Strand los um noch einen Besuch bei Metal Church zu machen. Die litten in der Gluthitze sichtlich: „A great day to be wearing black! Here’s a few more songs before we DIE!“ Aus dem Graben wurde immerhin Wasser auf das übersichtliche Publikum versprüht. Powerwolf hatten dann einen besseren Slot um 19.30 h. Da ihr neues Album „Preachers Of The Night“ grade erst am Freitag vorm Metalcamp rausgekommen war, hielt sich der Bekanntheitsgrad im Publikum natürlich in Grenzen. Trotzdem haben die Leute amtlich mitgefeiert und es war wie immer eine gute Show.

Während Red vorne blieb um Wintersun zu sehen tigerte ich mit Natron zurück ins Camp. Wir waren schon recht erschöpft und dann wollten wir ja später immerhin noch ein Auge auf King Diamond werfen. Es wurde dunkel, von der Bühne erklang das Intro von Wintersun. Mit einmal war der Zeltplatz dann zappenduster. Der Flutlichtscheinwerfer der unser Camp so erbarmungslos illuminierte war aus, alle Lichter auf der Bühne und natürlich auch kein Piep mehr vom Intro. Strom weg. Das war Sonntag früh schonmal während des Unwetters passiert. Bei einem Konzert aber umso ärgerlicher. Nach einer gefühlten Ewigkeit in der die bunten Lampions meiner bescheidenen Solar-Lichterkette das einzige Licht im Camp spendeten ging es weiter. Ohne Intro, gleich der erste Song. Mir wurde klar, dass ich Wintersun in eine komplett falsche Ecke gesteckt hatte. Von wegen Blastbeats zerhauen die Melodien, wie mein Kumpel genörgelt hatte. Die gefielen mir eigentlich ganz gut. Schöner Song… oh, da ist er schon wieder weg. Der Strom fiel ein zweites Mal aus. Mir tat es für die Wintersun-Fans vor der Bühne total leid. Die Spielzeit verkürzte sich schlussendlich um etwa fünfzehn Minuten. Gut, das ist bei der Band nur ein Song, aber immerhin.

Red kam etwas angepisst zurück, wir waren nicht wirklich in Laune Unleashed auf der kleinen Bühne anzuschauen und die Motivation für King Diamond sank auch. Immerhin war es der letzte Abend, in die wehmütige Abschiedsstimmung mischte sich das Fehlen von Launemacher Alkohol. Als es dann Zeit wurde rissen wir uns aber doch nochmal hoch. Wir wollen wenigstens sein Corpsepaint mal aus der Nähe betrachten, lass uns die ersten drei Songs angucken, dann die Paycard zurücktauschen und dann ist gut, okay? Natron und ich machten den Deal und trotteten nach vorne und als wir dann vor der Bühen standen war alle Lethargie plötzlich weggeblasen.

King Diamond. Ich kann es nicht erklären. Der abgefahrendste, bekloppteste, großartigste Scheiß den ich seit langem gesehen habe. Die ganze Bühne war umgebaut. Ein Horrorhaus-Setting mit hinterleuchtetem Ziegenpentagram. Treppen, Zäune, Tänzerin. Bei jedem Song irgendein anderes Gimmick. King Diamond in seiner ganzen Grandezza. Episches fucking Schlagzeugsolo. Der perfekte Zeitpunkt am Ende einer Woche Schweiß und Blödsinn. Auf einmal machte alles Sinn. Während unsere Begleiter kopfschüttelnd und genervt von der Stimme des Diamantkönigs das Festivalgelände verließen standen Natron und ich wie gefesselt und sahen die ganze Show an. Ohne eine einzige Minute Langeweile. Als zwischenzeitlich ein Typ mit astreinem Diamond-Corpsepaint, nur erleuchtet von einer einzigen Kerze in seiner Hand, durch das Publikum schlich, bin ich vor Schreck fast aus der Haut gefahren. Wir haben eine Woche lang viel unterhaltsamen Blödsinn gesehen. Doofe und lustige Verkleidungen. Einen jungen Mann der eine ausgehölte Wassermelone auf dem Kopf trug. Aber King Diamond mit der Kerze, der war so gruselig und so stimmig, der hat in meinen Augen das Festival gewonnen. Diese letzte Band, der große Headliner, der danach nur noch von Candlemass angemessen ausgefaded wurde, hat das ganze Festival für mich total abgerundet. Ich bin von der Show immernoch total geflash, ohne dass ich es in Worte fassen kann. Ausser Natron hat das keiner so erlebt, aber das ist auch okay, es hat ja seine Gründe warum wir beide so dicke miteinander sind.

Was sollte also nach King Diamond noch kommen? Gar nichts. Samstag war Abreisetag und das ist immer der traurigste Tag nach so einem wunderbaren Festival. Diesmal hatten wir glücklicherweise einen Plan und damit wurde unser Abschiedsschmerz deutlich gelindert. Wir wollten auf dem Heimweg einige der Burgen anschauen an denen wir schon so oft vorübergefahren waren, dann an der österreichisch-deutschen Grenze übernachten und den Rest der Heimfahrt am Sonntag erledigen.

Bei der Burgentour waren wir noch zu siebt. Red als unser Klassenlehrer und der mit dem größten Burgenenthusiasmus hatte für jeden ein Dossier vorbereitet in dem alle zu besichtigenden Stätten aufgeführt und erläutert waren. Natron hatte die Blätter mit der Maschine zu Heftchen zusammengenäht.

Unser Weg führte traditionsgemäß über den Predilpass nach Italien und von dort über Österreich nach Ainring zu dem Hotel mit dem Schwimmbad, wo wir im letzten Jahr schon genächtigt hatten. Und auf der Straße zum Predilpass warteten auch bereits drei Highlights auf uns. Nummer eins: Die Flitscher Klause. Eine Befestigungsanlage die im ersten Weltkrieg genutzt wurde um die Passstraße zu sichern. Wir schauten uns das astrein erhaltene Gebäude an und latschten durch die Ausstellung in Inneren. Zu viel Information für sonnenverdummte Metaller, was Natron zu dem Kommentar „Banausen im Museum“ veranlasste. Tatsächlich habe ich mich ein wenig für meine Ignoranz geschähmt, bin ich doch sonst immer die erste Streberin im Museum.

Unser zweiter Besuchspunkt war das Fort Hermann, direkt auf der anderen Seite der Passstraße, allerdings 114 Meter höher am Berg errichtet. Die Truppe spaltete sich in die, die sich weigerten vierzig Minuten in der Mittagssonne zu wandern und die, denen es nie genug sein kann.

Mit letzteren erkletterte ich die Höhenmeter, obwohl die Feste auf dem Foto im Dossier nur wie fünf Steine im Wald ausgesehen hatte. Der Weg war immerhin unterhaltsam und führte schonmal durch einen Tunnel (Yay, Höhlen!) und an Schützenpositionen vorbei.

Das Fort selbst wurde im ersten Weltkrieg komplett zerschossen. Während die gesamte Innenausstattung herausgerissen und weiterverwertet wurde, hat man an der Ruine nicht einen Stein aufgeräumt. Wir kamen also an ein L-förmiges, überwuchertes Gebäude mit eingestürzten Decken und zerbombten Wänden. Obwohl ich in meinem Kopf deutlich hörte wie meine Eltern sagten: „Geh da nicht drin spielen!“ war ich in Nullkommanichts im Inneren. Und wow! Durch die zerbrochenen Mauern fiel ein kathedrales Licht, grün gefärbt von der Vegetation drumherum. Brach sich an den Bögen, mischte sich mit dem Goldbraun der erodierten Wände. Wir stiegen über Trümmer, leuchteten in leere Räume, erkannten den Rest von schlichten Bodenfliesen und standen schlussendlich im ersten Stock und auf dem Dach. Während meine Freunde die Aussicht über das Tal genossen lief in meinem Kopf ein Endzeit-Computerspiel. Krasser Scheiß.

Ich hatte wieder kurz ein schlechtes Gewissen weil ich so begeistert war von einem Ort, an den ein Kriegstrauma geknüpft ist. Dann machten wir uns aber schon wieder an den Abstieg um unsere Freunde aufzusammeln, die sich an der Straße bereits ihre Campingstühlchen hingestellt hatten.

Der dritte Punkt war die Passsperre Predil, von Natron passender „die Erdbeerfeste“ genannt. Eine komplett überwucherte Ruine aus dem neunzehnten Jahrhundert, ursprünglich ebenfalls als Schutzstation für den Pass gedacht, inzwischen Heimat für Walderdbeeren und Brombeerbüsche. Wir durchkämmten das Gebäude nur kurz, denn der nächste verlockende Stopp stand schon auf der Liste: Pizza in Italien.

In ein paar Minuten waren wir über den Predilpass und damit in Italien. Einmal wehmütiges Aufschreien als die Straße an einem wunderschönen Bergsee vorüberführt und der Plan im nächsten Jahr auch ein paar Tage am Predilsee zu zelten. Dann waren wir in Tarvisio und siehe da, in einer Pizzeria saßen der Typ den meine Freunde vor ein paar Tagen mit verletzten Fuß auf dem Campground aufgesammelt hatten und sein Kumpel mit Sabaton-Shirt. Da gingen wir natürlich auch essen. Pizza ganz stolz in stümperhaftem Italienisch bestellt, saßen wir um ein kariertes Tischtuch herum an der Durchgangsstraße, wie man das halt so macht im Urlaub.

Unser Dossier kannte noch zwei weitere Burgen in Österreich, aber es wurde spät und so fuhren wir stopplos durch Östereich bis nach Ainring („Ainring sie zu knechten, sie alle zu finden…“) in Deutschland. Die Burgen stehen sicher auch 2014 noch. Im Hotel gab es dann noch das letzte slowenische Dosenbier und wir saßen noch eine Weile quatschend und gackernd auf dem Balkon bevor es echt mal Zeit wurde für ein richtiges Bett.

Am nächsten Morgen noch ein Sprung in den Hotelpool, der sich irgendwie viel zu warm anfühlte, dann richtig gutes Frühstück und noch siebenhundert Kilometer bis nach Hause. Öftz.

Jetzt sind alle wieder wohlbehalten angekommen, ich habe meine Haustiere von ihrer Ferienmutti abgeholt und auch schon ein wenig Wäsche gemacht und Campinggerümpel in den Keller verfrachtet. Es ist schön wieder zu Hause zu sein, wo das Dixie immer sauber ist und die Sonne nicht so doll ins Zelt knallt. Ich fand die Burgentour einen wunderbaren Ausklang für das Festival. Aber trotzdem wäre ich gerne sofort wieder in Tolmin. Aaach. Dass wir wiederkommen steht außer Frage. Die Karten fürs nächste Jahr haben wir gleich vor Ort schon gekauft, als Earliest Birds, zum Sonderpreis. Es ist noch keine Band angekündigt, aber ich weiß mit wem ich wieder dort sein werde: Mit meinem Tribe. Und das ist alles worauf es ankommt.

9 Kommentare zu “Ljubel-ljubel-freu-freu!”

  1. Shiny schrieb:

    Ich gebe ja zu, dass ich den Beitrag in Häppchen lese, um ihn möglichst lang genießen zu können. Die Metalcamp-Beiträge sind schon alleine deswegen cool, weil sie gleichzeitig den Charme von Abenteuer, Heimeligkeit und leuter Musik versprühen. Als ich es aber dann doch nicht mehr ausgehalten habe, weil man ja ein Bilder-Mensch ist, habe ich runtergescrollt. HA! Das letzte Bild ist das Beste ;) 7 Metaller im Wasser. Eigentlich ist das irgendeines doofen Witzes würdig, der mir nicht einfallen mag. Er würde anfange mit „Was machen 7 Metaller im Wasser?“ … Die Pointe fehlt noch, zur Hilfe!

  2. knaxgurke schrieb:

    Wow, ein langer Beitrag, aber wieder klasse! Da fühlt man sich gleich ein bisschen dabei gewesen und bekommt wieder spontan Lust, sowas auch mal zu machen. So ein Festival an sich ist sicher schon toll, aber dann noch in so einer traumhaften Kulisse und mit so viel Spaß… Ich würde ja sagen ich erblasse vor Neid, aber ich glaube viel blasser geht zu Lebzeiten nicht mehr. ;)

    Das mit der Kamera ist aber wirklich ärgerlich, auch wenn du ja offenbar noch fotografische Erinnerungen abgreifen konntest. Gab’s wieder Getränkepfand zur Aufstockung des neuen Kamerabudgets?

    Vielen Dank für diesen tollen Fernwehbericht!

    @Shiny: Vielleicht irgendwas mit rosten? =P „Was machen 7 Metaller im Wasser?” – „Rasten statt Rosten.“ (Okay, ich geb zu, wirklich lustig ist der nicht…)

  3. Katrin schrieb:

    Hach ich habe mehrmals an Euch letzte Woche denken müssen. Klasse das Ihr soviel Spass hattet. Nach Deinem Bericht bin ich jetzt ziemlich deprimiert dieses Jahr nicht beim Metalcamp dabei gewesen sein zu können. Gerade der Strand und die Klamm sind einfach sagenhaft.

  4. racamiri schrieb:

    Hach ja, ich kriege mit jedem Mal, das du darüber schreibst, mehr Lust, auch hinzufahren, aber ich habe leider keine Festivalbegeisterten in meinem Umkreis…

  5. Kate schrieb:

    Ernsthaft, die beste Zusammenfassung für den ganzen Spaß, den ihr da hattet, ist für mich „Episches fucking Schlagzeugsolo“. Die Ausdrcuksweise ist man von dir sonst so nicht gewohnt und deshalb haut es so richtig die Stimmung rein und macht ganz viel Lust auf ganz viel mehr. :D

    Super Bericht! <3
    (Aber schade um deine Kamera. :( )

  6. Amy schrieb:

    Ich liebe deine Festival-Berichte, die lesen sich so stimmig, abenteuerlich und wunderschön! :)

  7. Käsebrot schrieb:

    Es ist und bleibt einfach das schönste Festival! :)
    Eines meiner Highlights waren ja Kissin Dynamite, die ich vorher nicht wirklich kannte und zu denen ich einfach mitgeschleppt wurde.

    Außerdem entschuldige ich mich nochmal für das plumpe „Ihr seid doch Natron und Soda!“- Angequatsche an den Duschen morgens (wenn 10 oder 10:30 noch als morgens zählt) ;)

  8. Soda schrieb:

    @Käsebrot: Keine Sache, ich hätte mich gerne für unsere frechen Kumpels entschuldigt, aber ich hab dich gar nicht mehr gesehen. ;)

  9. Svensen schrieb:

    @Soda
    Aha, sind wir dir etwa peinlich gewesen? ;)

    Aber ansonsten toller Bericht :D
    Dem Königlichen Hofbedenkenträger gefällt das!

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