Baden, Freitag, Samstag

18. November 2013 (18:26 h) – Tags: ,

Musik: Metallica - That Was Just Your Life | Stimmung: Und Urlaub hat noch nichtmal angefangen!

Meine in diesem Jahr ungewöhnlich lange und abwechslungsreiche Festivalsaison 2013 würde ich dann wohl für beendet erklären. Nach Beastival und Metalcamp waren wir noch beim ganz neuen Metal Hammer Paradise. Mitte November? Ja. Das Festival fand in der Ferienanlage Weissenhäuser Strand an der Ostsee statt. Mit Ferienwohnung statt Zelt. Ungewohnt viel Zivilisation an die man sich tatsächlich erstmal gewöhnen musste. Aber gegen Kühlschrank, eigene Dusche und ein komplett dixiefreies Wochenende war dann doch nicht viel zu sagen.

Wir reisten schon Donnerstag an, um einen Abend zum Eingrooven zu haben bevor die Konzerte losgingen. Die Fahrt zu fünft in einem kleinen Auto war zwar recht grenzwertig, aber egal. Die Hamburger waren mal wieder als erste da und hatten unsere Wohnungen schon bezogen, Eiswürfel vorbereitet und statt Schokolade lag eine Running Order auf dem Kopfkissen.

Wir gingen einkaufen, das Gelände auschecken und kehrten beim Italiener ein. Auch die Ostsee direkt hinter dem Ferienpark musste besucht werden. Den restlichen Abend verbrachten wir dann mit hemmungslosem Blödsinn im Wohnzimmer.

Wir hatten Musik dabei, fürs Feeling auch unsere Plastikbecher und natürlich hatte jeder seine Nerf eingepackt. Die Klettpfeile sind, wie man sieht, gut an der Gardine hängen geblieben. Tons of never endling fun.

Hier halte ich mir einen Eiswürfel auf die Nase. Red hatte bei dem Versuch jemand anderem die Nerf zuzuwerfen versagt und mir das Plastikteil ins Gesicht gekloppt. War nicht schlimm, wir haben uns auch gleich wieder vertragen, ich hatte dann nur für die restliche Zeit einen Bluterguss auf dem Nasenrücken. Was uns nicht umbringt macht uns härter, ne?

Freitag früh konnten wir total luxuriös zusammen frühstücken. Tomate mit Büffelmozzarella ist vermutlich nicht metal, aber wenn schon, denn schon. Schlafen in richtigen Betten war auch ein ungewohntes Vergnügen und ließ die meisten von uns fit genug sein um nach dem Frühstück Bändchen zu holen.

Freitag war der eigentliche Anreisetag. Da wir uns damit aber nicht mehr beschäftigen mussten konnten wir schonmal die zweite Attraktion neben den Bands besuchen: Das Badeparadies. Wo es in Tolmin Sommer, Gletscherflüsse und Naturspektakel gibt, punktet der Weissenhäuser Strand mit einer der „größten und schönsten Wasserspiellandschaften Europas“ (eigene Aussage). Und das ist nicht übertrieben.

Ich hatte ein Kinderbecken und eine Rutsche erwartet, aber es gab über ein halbes Dutzend Rutschen, Wildwasserbahn, Grotte, Wasserfall und einen riesigen Eimer, der sich immer wieder füllte und seine hunderte Liter dann in einer gigantischen Wasserkaskade auf einen herunterknallen ließ. Mein Highlight war vermutlich die Reifenrutsche. Während man durch die ewig langen Tunnel rauschte änderten sich immer wieder die Farben und Lichteffekte in der Röhre und am Ende fühlte es sich wie eine Wiedergeburtserfahrung an. Nur leicht dadurch gemildert, dass wir fünf Reifen miteinander verbanden und unter lautem Absingen von „Rebellion“ duch die Röhren schossen. In einer anderen Rutsche waren die Tunnel so angelegt, dass man zwischenzeitlich in komplette Dunkelheit getaucht war und dann in ein Meer von Sternen fiel. Die Wildwasserbahn endete in einer veritablen Grotte mit Einblick ins Piranhabecken und beeindruckendem Lichtwechsel. Wo wir gegeneinander rutschen konnten taten wir es, wenn man irgendwo runtertauchen oder blöd sein konnte probierten wir es aus. Die üblichen Feriengäste mit ihren Kindern machten nur ein Drittel der Besucher aus und ich bin mir nicht sicher ob sie mehr Spaß als die Metaller hatten.

Erschöpft, glücklich und ein bisschen verdooft von so viel Spaßbad („Wenn King Diamond eine Rutsche wäre, wäre er die Reifenrutsche!“) trotteten wir später zurück in unsere Ferienwohnungen.

Natron und ich hatten nämlich noch Zeit und vor allem den Luxus eines Badezimmers um uns für die anstehenden Bands hübsch zu machen.

So hübsch wie es halt geht. Tatsächlich machten wir vor allem blöde Fotos mit Duckface weil wir uns ein bisschen wie Metaltussis vorkamen. Normalerweise sind wir ja auf Festivals nicht geschminkt und die Haare freuen sich schon wenn man sie ab und zu mal bürstet.

Unser erstes Date hatten wir dann mit Unleashed. Mal wieder so eine Band die ich aufgrund ihres Logos ewig lange in die Blackmetal-Ecke gesteckt hatte. Unleashed spielten auf der großen Bühne. Hinter dem Spaßband hatten sie ein riesiges Festivalzelt aufgebaut und darin befand sich die große Bühne. Astreiner Sound wie aber auch auf den beide kleineren Stages. Viel Spaß.

Die kleinere Bühne trug den epischen Namen „Baltic Ballroom“ und befand sich im Hauptgebäude. Eine veritable Disko in der die Temperaturen ganz schnell auf Sauna anstiegen und die aufgrund der niedrigen Decke was von einer gemütlichen Nasenquetsche hatte. Hier sollten Samael groß angekündigt ihr Album „Passage“ spielen. Hatte ich mir extra vorher angehört. Und dann traten Samael auf und tja, denen hatte wohl keiner gesagt, dass sie „Passage“ spielen sollten. Ich fands nicht wirklich tragisch, nicht so ganz meine Richtung und dann mussten wir nach einer halben Stunde sowieso zurück ins Zelt wechseln um Saxon zu sehen. Diese Art von Überschneidungen zog sich durch das ganze Wochenende und war etwas ärgerlich. Saxon waren dafür wie immer Partygarant mit Mitsinggarantie.

Den nächsten Vormittag verbrachten wir natürlich wieder im Spaßband. Spaßbad forever! Tatsächlich ist das Badeparadies neben der Platzierung ausserhalb der eigentlichen Festivalsaison und dem Ü30-freundlichem Komfort der Ferienwohnungen ein großer Faktor bei diesem Festival. Zusammen mit den Bands ein großer Unterhaltungspunkt und ein Grund wieder hinzufahren.

Als wir zurück zur Unterkunft liefen fand ich mich hinter Red und Natron wieder. Und guckte auf ihre Rücken und dachte: „Verdammt, ich brauche auch eine Kutte!“ Ein paar Patches konnte ich auch abends gleich einkaufen, insgesamt war der Shoppingbereich aber viel zu übersichtlich. Das geht besser!

Samstag fingen die Bands schon früher an und wir besuchten erstmal Vader im Baltic Ballroom. Vader spielen in irgendwessen Wohnzimmer!

Dann flitzten wir rüber zur dritten Bühne die in einem kleinen Blockhaus unterkam. Skihüttencharme bei Dust Bolt.

Auch hier war der Sound astrein und Dust Bolt hatte ich bereits bei der Awardshow in Berlin gesehen. Davon abgesehen, dass sie mit ihren perfekten Haaren irgendwie niedlich sind, liebe ich jeden Zwanzigjährigen der anständigen Thrash spielt und nicht diesen unsäglichen Kiddiecore.

Wir kamen nochmal zurück in diese Hütte, die sie „Riff Rondell“ genannt hatten die bei uns aber schnell „Riot Rotunde“ hieß weil sich den eigentlichen Namen mal wieder keiner gemerkt hatte. Nach Dust Bolt spielten Dark Age aus Hamburg. Anständiger Modern Metal zu dem die halbe Band ihre entzückenden Kinder mitgebracht hatte.

Der Abend hatte aber grad erst angefangen und als nächsten Punkt trafen wir alle Freunde im Ballroom um zusammen bei Grave Digger mitzusingen. Auf Digger kann man sich verlassen und wir hatten viel Spaß und am Ende deutlich weniger Stimme.

Mit Natron und Red rannte ich nach Digger wieder ins Zelt zurück um uns das Kontrastprogramm mit Behemoth zu geben. Ich wäre da alleine vermutlich gar nicht hingegangen aber aus Erfahrung weiß ich, dass es selten enttäuscht sich einfach an die beiden ranzuhängen. Und Behemoth waren wirklich der Hammer! Fantastische Bühnenshow, präziser Sound, erfrischend klassische Blackmetal-Texte.

Nachdem sie zwei gestürzte Kreuze abgebrannt und sich auch sonst mit Pyros und Effekten totgeschmissen hatten, schossen Behemoth am Ende eine Riesenladung schwarzen Flitter ins Publikum und ich begann zu verstehen warum es diese bunt glitzernden Shirts von der Band gibt.

Nach Behemoth sahen wir uns Helloween an auf die ich wirklich recht gespannt war. Das aktuelle Album klingt so erfreulich nach den guten alten Helloween die wir Ende der Neunziger gehört haben. Aber irgendwie… Der Funke ist nicht übergesprungen. Sänger Andi Deris wirkte dermaßen verstrahlt, zickte die anderen Musiker an und selbst das willkommene Schlagzeugsolo wirkte deshalb wie eine Zwangspause. Irgendwie nicht. Schade, Helloween.

Natron schleppte uns dann noch schnell zu Orchid wo Red und ich uns schulterzuckend anschauten und von ihr als Banausen betitelt dann bald wieder Richtung Zelt wanderten.

Dort stand der letzte Programmpunkt an: Feiern mit Sabaton. Alle neun Mitreisenden waren anwesend, wir warteten noch etwas länger weil Sabatons Flieger nach Hamburg wohl verspätet war, aber gegen Mitternacht ging es dann los. „We are Sabaton and this is Ghost Division!“ Party on von Null auf Hundert. Dass meine Freunde headbangen, textsicher und mitsingfreudig sind haben sie schon oft bewiesen. Diesmal hatte ein Hamburger Kumpel die Sache aber noch weiter geführt.

Es hat sich zu einer Tradition entwickelt, dass bei Sabaton aus dem Publikum Schokolade, vorzugsweise Kinder-Milchschnitte, auf die Bühne geworfen wird. Ich weiß nicht wann das angefangen hat, ich habe es beim Metalcamp 2012 das erste Mal erlebt. Irgendwer warf was auf die Bühne, Joakim Brodén fing es, guckte drauf und sagte mit seinem hinreißenden schwedischen Akzent: „Kinder? Milk? Schnitte?“ Seit dem hat es bei jedem Konzert so einen Vorfall gegeben und jedes Mal wiesen die Schweden darauf hin, dass es sich um ein Metalkonzert handelt und sie lieber Unterwäsche von weiblichen Fans hätten.

Nun hatte also auch einer von uns einen entsprechenden Vorsatz: „Unsere Milchschnitten werden die Bühnenscheinwerfer verdunkeln. Sabaton werden im Schatten spielen.“ Bewaffnet drängten sich unsere Jungs nach vorne und hagelten ihre Schokis so gut auf die Bühne, dass sogar der Schlagzeuger was fing und es zurück ins Publikum warf. Joakim Brodén nahm das Stöckchen auch prompt auf und kommentierte vor allem den absurd großen BH, den der Kumpel ihm freundlicherweise noch dazu geworfen hatte.

Das Ding hing das restliche Konzert über am Mikrophonständer wo der Sänger es immer wieder abnahm, mal um die Brust und mal auf den Kopf zog. Stolz wie Bolle hatten meine Freunde mal eben die Band und das restliche Publikum unterhalten. Irgendwer der hinter uns stand hat glaube ich sogar ein Video von uns gemacht als wir zusammen gesungen haben. Zu allem Überfluss hatte Joakim Brodén am Ende der Show schon wieder seine Hose zerrissen und es kann wohl mit gutem Gewissen behauptet werden, dass wir unmöglich mehr Spaß bei Sabaton hätten haben können.

Nach dem Konzert zogen sich die Fahrer und ihre Freundinnen Richtung Bett zurück, aber wir anderen waren ja noch viel zu aufgekratzt und dann war da noch die Kneipe in der gestern abend schon so gute Stimmung war… Also weiterfeiern.

Von der Kneipe zogen wir zur offiziellen Aftershow-Party. Metaldisko auf dem klebrigsten Fußboden der Welt mit viel Headbangen und weiterem Blödsinn. Bisher habe ich den letzten Abend immer viel ruhiger angehen lassen weil ja die Heimfahrt schon dräute, aber diesmal ist es irgendwie eskaliert. Und obwohl meine Freunde noch weitergefeiert haben als ich schon längst im Bett lag, rächte sich der lange Abend vor allem bei mir und ließ mich die Heimfahrt etwas weniger erholt antreten als ich gehofft hatte. Aber egal. Für Erholung ist da keiner von uns hingefahren.

Und weil wir Freitag von einer regionalen Journalistin angequatscht wurden, konnten wir am Samstag noch ein Souvenir in Form der Lübecker Nachrichten mitnehmen. Was will man mehr.

Kurzum war es also ein tolles Wochenende. Hammergeiles Spaßbad, viele tolle Bands, unendlich Spaß mit dem Tribe gehabt. Natürlich gab es auch Schattenseiten, zB dass sie uns etwa zweihundert Euro aus dem verschlossenen Hotelzimmer geklaut haben, das meiste davon aus meinem Portemonnaie. Fünfzehn Jahre Zeltplatz und nie kommt was weg und dann wohnt man einmal zivilisiert *sigh*. Aber ich hatte schon vor Ort beschlossen mir davon nicht die Laune verderben zu lassen und das hat auch ganz gut geklappt.

Mit geliehenem Geld hab ich mir dann noch ein Festivalshirt gekauft und als der Chefredakteur von Metal Hammer, den wir bei der Metaldisko getroffen hatten, sagte: „Kommt bitte wieder!“ konnten wir das ohne zu zögern versprechen.

5 Kommentare zu “Baden, Freitag, Samstag”

  1. Amy schrieb:

    Deine Festivalberichte sind immer wieder eine Freude zu lesen :) Ich war selber noch auf keinem einzigen Festival und weiß auch nicht ob sich das je ändern wird, aber ich find es einfach total schön zu lesen mit wieviel Begeisterung du erzählst was alles tolles passiert ist :D Ich freu mich jedesmal wenn es in die Richtung was neues zu lesen gibt!

  2. CaroU schrieb:

    Das klingt in der Tat nach sehr viel Spaß.
    Die Kombo aus Betten, Badespaß und Krach klingt nach einem Metalfestival, auf das ich mich auch mal trauen würde. ^^

    Verdammt, jetzt will ich unbedingt in dieses Schwimmbad! XD

  3. Aultreia schrieb:

    Das beste an diesem Bericht (was vermutlich auch die Stimmung irgendwie einfängt) ist, dass du unheimlich oft statt „Spaßbad“ „Spaßband“ geschrieben hast.XD

  4. Soda schrieb:

    @Aultreia: Na das sind Sabaton, ist doch wohl klar. ;)

  5. Schwarzes_Schaf schrieb:

    Ist.das.geil!
    Da waren ich auf Realschul-Abschlussfahrt! *im Kreis grins* Aber das Spaßbad haben wir da nur von außen gesehen.

    Behemoth war mein heimliches Highlight auf dem heurigen Seerock-Festival. Die machen echt ne tolle Show.

    Hoffentlich gibts das Festival nächstes Jahr auch. Dann kann ich diverse Kindheitserinnerungen in ein anderes Licht rücken ;-)

    Cool, dass ihr da so viel Spass hattet.

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