Disko 44

31. Oktober 2010 (10:37 h) – Tags: ,

Ich wollte euch heute mal ein paar Eindrücke aus B an der Spree zeigen die ich immer zufällig und fast immer nebenbei aufsammle. Mit großer Freude beobachte ich schon seit einer Weile die begrüßenswerte Entwicklung weg von Grafitti, hin zu Streetart.

Das hier ist ein gutes Beispiel. Disko 44 ist vermutlich der Tag von Jemandem. Dazu sei gesagt, dass Neukölln vormals postalisch unter 1000 Berlin 44 rangierte. Hätte Mr. 44 ja nun auch einfach mit der Sprühdose hinklieren können. Das wäre schade weil sein Tag eigentlich ganz originell ist. Und zum Glück hat er sich auch die Mühe gemacht eine ziemlich aufwändige Schablone zu schneiden. Dadurch kommt Vandalismus schon fast wie Kunst rüber. Respekt, Disko 44! (Die Wand ist auch ganz atmosphärisch angegammelt. Ich weiß gar nicht mehr wo ich das fotografiert habe.)

Das hier nun ist Kunst. Das liebe ich total. Fotografiert habe ich es auf einem der Bahnhöfe der U8, an dem baustellenbedingter Pendelverkehr mich zum Aussteigen und Warten genötigt hatte. Unsere Augen sehen handwerklich krude hingeschriebene Buchstaben auf einem Holzträger für Werbeposter. Unser Kopf sieht eine gigantische Kuppel, gleißendes Sonnenlicht auf spiegelblankem Eis reflektiert, Atem der in der Luft kondensiert, blaues Licht, Eiszapfen wie Stalagtiten, funkelnde Kristalle, eine unendliche Stille. Zumindest mir ging es so, dass diese zwei Zeilen – zugegebenermaßen durch „that“ und „those“ poetisch aufgeladen – eine ganze Defa-Film-würdige Welt in meinem Kopf heraufbeschwören haben. Und je mehr ich darüber nachdenke umso mehr entwickelt sich aus dem ersten Eindruck eine Höhe und eine Tiefe, Licht und Schatten, Wärme und Eis. Das hier ist ein veritables Gedicht, meine verehrten Leser. Diese zwei Verse stellen sich mühelos neben jede zwei Verse von Keats oder Percy Shelly. <- meine Meinung

Kommen wir nun von der Kunst wieder zurück ins Leben und von der Unterwelt wieder ans Tageslicht. Hier auf dem S-Bahnhof Tempelhof habe ich eine kleine profane Gemeinheit fotografiert. Tempelhof ist ein recht alter Bahnhof auf dem es neben den zwei genutzen S-Bahngleisen noch etliche obsolete Schienen und Bahnschuppen und seltsame Gebäude gibt. Ein Paradies für Sprayer. Die S-Bahn kämpft wacker dagegen an und übermalt die Grafitti immer wieder. Offensichtlich auch an dieser Backsteinwand geschehen. Bis dann einer mit Reinigungsmittel oder ätzender Flüssigkeit zum Gegenschlag ausholte. *g*

Das hier schlussendlich ist keine Streetart sondern einfach nur kiezig und awwwww! In einer Nebenstraße liegt ein kleines Schustergeschäft. Im Fenster des Schustergeschäftes liegt zwischen fertigen Schuhen und heimatlosen Schnürsenkeln eine schwarzweiße Katze und schläft. Das ist so rührend und aus der Zeit gefallen, würde ich Schuhe besitzen die nicht nach einer Saison hoffnungslos auseinanderfielen, ich würde sie hierhin bringen, nur um dem Schuster und seiner Katze das Auskommen zu sichern.

2 Kommentare zu “Disko 44”

  1. Natron schrieb:

    Hast du nach deinem U8-Poeten mal gegoogelt? Ich glaube da hat Samuel (oder „Groovy Sam“ wie ihn seine Freunde nennen) Coleridge die Spraydose ausgepackt. :D

  2. Nova schrieb:

    Ah, Natron war schneller – „Groovy Sam“ ist mein Lieblingsromantiker!

    (Grüße aus der Versenkung!)

Hinterlasse einen Kommentar
(Alle Kommentare müssen freigeschaltet werden bevor sie angezeigt werden.)