Kommode flicken, quer durch die Kulturen

17. März 2014 (10:44 h) – Tags: , , , ,

Musik: Behemoth - Blow Your Trumpets Gabriel 

Die Kommode ist -wenig Wunder- schnell zur Königin des Wohnzimmers geworden. Ich habe Sessel umgestellt um die Möbel harmonischer zu verteilen und neulich war ich extra noch in der Drogerie um dunkle Möbelpolitur zu kaufen. Damit habe ich das alte Stück wirklich sehr schön aufpolieren können. Die Schrammen im Holz sind sehr viel weniger sichtbar und die Oberflächen glänzen nun wieder schön. Dolle Sache.

Was das fehlende Fries auf der rechten Tür angeht habe ich ein paar Pläne im Kopf bewegt. Ziemlich frei nach der japanischen Kintsugi-Technik, bei der zerbrochenes Porzellan mit einem metallhaltigem Kleber zusammengesetzt wird, so dass die Bruchstellen später sichtbar in zB gold hervorgehoben sind, überlegte ich den fehlenden Bereich als Schattenriss in messingfarben aufzumalen. Die Grundform ist ja auf dem ausgeblichenen Untergrund noch gut zu erkennen bzw kann sie gegengleich von der zweiten Tür abgenommen werden. Dazu würden Türgriffe aus Messing dann gut passen.

Das war die erste Idee und ich finde sie auch immernoch ziemlich schön, aber dahinter lauerte noch eine zweite. Die größere Herausforderung die ich deshalb annehmen musste. Wenn ich schon ein gemaltes Teil einsetze, dann kann ich auch versuchen das fehlende Ornament aufzumalen. Also trompe-l’œil: So schattiert, dass es eine Dreidimensionalität vortäuscht und den fehlenden Teil sozusagen hinillusioniert. Mir ist klar, dass das kein geringer Anspruch ist und ich sicher nicht in der Lage sein werde etwas zu malen, das den Betrachter am Ende wirklich hinters Licht führt. Man wird immer sehen, dass hier Farbe statt Holz wirkt. Das ist mir aber auch ganz recht so. Wenn ich die Möglichkeit hätte da aus Holz genau das fehlende Stück nachzuschnitzen, so dass die Tür am Ende aussieht wie vor dem Bruch, dann fände ich das fast zu langweilig. Die Idee hinter Kintsugi, dass etwas durch einen sichtbar nachwirkenden Schaden an Schönheit und Charakter gewinnt, die mag ich sehr gerne. Man soll meiner Kommode also ruhig ansehen, dass sie nicht mehr unversehrt ist.

Ich bin nun zur Tat geschritten und habe die Form des Holzornaments mit transparenter Folie abgenommen. Erst von der rechten Tür, später habe ich Details von der linken, intakten Seite ergänzt. Das ging ziemlich gut. Von der Folie habe ich das Motiv auf Transparentpapier übertragen, es nochmal an der Tür korrigiert und dann die Form aus dünner Pappe ausgeschnitten. Wenn ich auf Pappe male habe ich erstmal schon eine grundlegende Dreidimensionalität durch das aufgesetzte Material, zum anderen macht es mir die Arbeit leichter weil ich nicht senkrecht an der Tür malen muss sondern die Pappe hinlegen kann wo ich will.

Testweise habe ich das Pappstück passgenau in die Lücke gesetzt und obwohl es in weiß noch total rausleuchtet hat sich das Ausfüllen der Lücke schon so gut angefühlt. Wie eine Prothese für die Schönheit des Möbels. Als wenn das Ornament in seinen Formen wieder fließen konnte und die Kommode einmal zufrieden aufgeatmet hat. Ich sehe da auch keinen Widerspruch zur Akzeptanz von Fehlerhaftigkeit. Für mich bedeutet diese nicht zu sagen: „Tja, ist halt kaputt, ist aber okay wenn ich es so lasse“, sondern mit dem Schaden zu arbeiten und irgendwas draus zu machen was den Gegenstand insgesamt oder zumindest seine Ästhetik wieder funktionieren lässt.

Auf dem Boden vor dem Schränkchen hockend habe ich den Einsatz zuerst in einem passenden Braunton bemalt und dabei schonmal die Maserung angedeutet. Ich verwende meine geliebten Aquarellfarben auch wenn ich weiß, dass die nicht wasserfest sind. Mit Aquarell kann ich am besten schattieren und Farbtöne mischen. Die Auswahl an Grundfarben habe ich in Acryl einfach nicht und es lässt sich auch nicht so gut vermalen. Ich werde die Pappe am Ende mit Sprühlack versuchen widerstandsfähiger zu machen bzw den dezenten Glanz des Holzes nachahmen.

Das ist der Stand meiner Schattierungsarbeiten soweit. Weil das geschnitzte Holz so eine glatte Oberfläche hat muss ich ziemlich kräftige Lichter mit Deckweiss setzen. Eventuell muss ich auch die Schatten dazu stärker ausarbeiten. Auf dem Foto wirkt der gemalte Teil recht blaustichig. Das liegt an den mickrigen Lichtverhältnissen, in Wirklichkeit ist es noch ein bisschen schöner.

Ich bin mit dem Projekt bisher eindeutig zufrieden. Wenn ich die Gelegenheit dazu finde, werde ich nochmal nach Möbelgriffen trödeln gehen. Mit sehr viel Glück finde ich irgendwas das sich so gut einpasst, dass ich nur den rechten Griff austauschen muss und der linke, der aus irgendeiner Form von Proto-Plastik besteht, bleiben kann. Wahrscheinlicher werde ich aber beide austauschen. Dann bleibt noch das weggebrochene Ornament auf dem Aufsatz zu ergänzen. Dafür muss mir aber irgendeine Art von Relief in die Hände fallen. Nicht zu groß und thematisch passend.

3 Kommentare zu “Kommode flicken, quer durch die Kulturen”

  1. Freinaht schrieb:

    ich kann nur sagen WOW …
    einfach toll mit welcher Liebe zum Detail du deine Wohnung einrichtest! Mal ganz davon abgesehen, dass ich so überhaupt nicht malen/zeichnen kann, ist dein Durchhaltevermögen und Ehrgeiz was solche Dinge betrifft beneidenswert!

    Liebe Grüße
    Steffi

  2. knaxgurke schrieb:

    Wahnsinn, auf was für Ideen du immer kommst! Von der tollen Umsetzung ganz zu schweigen… Ich hätte wahrscheinlich höchstens versucht, das intakte Ornament soweit abzuformen, dass ich das andere flicken kann – wenn überhaupt, und gerade malerisch bin ich auch noch vollkommen unbegabt.
    Der einzige „Nachteil“ den ich gerade an der Malerei sehe, ist dass Licht und Schatten und auf der Pappe auch dann da sein werden, wenn sie es auf dem Holz nicht sind – aber das ist sicher 1. vernachlässigbar und 2. ohnehin die Frage, wie viel man dann davon überhaupt noch sieht wenn es ja eher dunkel ist. ;)
    Ich finde es jedenfalls fantastisch, wie viel Arbeit und Liebe du immer in deine Einrichtung und auch solche Details steckst und mit wie viel Mühe du sowas wieder herrichtest. Jedes Mal wenn ich irgendwo ein Schild sehe, das einen Trödelmarkt ankündigt, muss ich an dich denken und frage mich unweigerlich, was für Schätze du dort wohl auftun würdest.

  3. Garn und Graphit schrieb:

    Eine wunderschöne, spannende Idee! Es gefällt mir, wie du mit der Kommode umgehst, dass du dir diese Gedanken machst.
    Am liebsten würde ich direkt mitbasteln, die Arbeit erinnert mich an die Bühnenmalerei. Dabei haben wir einmal alte Bücherschränke auf Spanplatten gemalt und uns auch Gedanken über Lichteffekte gemacht :).
    Viel Spaß beim Weiterwerkeln!

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