In Rixdorf is Musike

5. Dezember 2010 (13:59 h) – Tags: , ,

In den letzten Jahren ist es bei mir zu einer schönen Tradition geworden, den einzigartigen Rixdorfer Weihnachtsmarkt zu besuchen, der leider nur an einem Adventswochenende, dafür aber gleich um die Ecke stattfindet. Obwohl es nur ein paar Minuten zu Fuß sind, könnte der Kulturunterschied zwischen Neukölln und Neukölln nicht größer sein. Mitten im Ghetto befindet sich der Richardplatz, und dort der historische Ortskern von Richardsdorp, dem kleinen Dorf das Rixdorf seinen Namen gab. Erst Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde Rixdorf dann in Neukölln umbenannt und zwar – man höre und staune – weil die Gegend schon damals so einen mieserablen Ruf hatte der durch die Namensänderung immerhin vertuscht werden sollte. Manche Dinge ändern sich auch nie.

Das Böhmische Dorf also ist die Keimzelle der 650jährigen Geschichte von Rixdorf. Ein noch heute ganz entzückendes Fleckchen mit Schmiede, Kirche und Katzenkopppflaster. Entsprechend ist auch der Rixdorfer Weihnachtsmarkt eine Mischung aus Ständen von unterschiedlichen charitativen Origanisationen und Heimatkunde zum Anfassen. Ganz viel glühweinseelige Nachbarschaftlichkeit und ein bischen heile Welt, an der sowohl Rütli-Schüler als auch die ehrenamtlichen Helfer vom Hospiz Ricam teilnehmen.

Es ist ganz rührend und ein bischen kitschig, aber dafür ist ja auch Weihnachten. Dieser historische Kiosk sieht schon fast wie eine Disney-Kulisse aus. Tatsächlich dient er das restliche Jahr über als Versteck für die Polizei die aus diesem Hinterhalt Geschwindigkeitskontrollen durchführt. Im Böhmischen Dorf gilt Tempo 10 ;)

Ein paar Kuriositäten habe ich aber auch mitgebracht. Angefangen bei diesem Traditionsunternehmen, das für jede Gelegenheit die passende Kutsche parat hat. Tatsächlich gehört zu dem Schild ein alter Hof mit Ställen und dort kann man auch eine kleine Auswahl der Kutschen besichtigen. Habe ich natürlich gemacht.

Ein paar Meter weiter gab es einen Stand der Geld für die Betreuung freilebender Katzen sammelte. Alles an dem Stand waren Katzen. Als Broschen, Bilder, Porzellanfiguren. Ich habe dieses entzückende Kissen mitgenommen. Und irgendwie rührend, schon bevor es bei mir einzog waren Katzenhaare drauf ;)

Und dann habe ich noch einen Euro in Nostalgie, Stadtgeschichte und Blödsinn investiert. Was ist meine andere Schwachstelle, neben Katzen? Richtig, Literatur. Alte Literatur. Für sage und schreibe einen Euro gabs drei gebrauchte Reclamhefte. Zwei Mal Wagner, den wollte ich sowieso mal lesen. Aber diese uralten Ausgaben! Ich schätze sie auf die zweite Hälfte der 1920er Jahre.

Im Tannhäuser liegt noch ein Werbezettel der Reclams Universalbibliothek anpreist: „Auf weißes, holzfreies Papier in großen, modernen Schriften gedruckt; fester, künstlerischer Einband“. Für 80 Pfennig gabs damals auch moderne Autoren wie Hermann Bahr und Arthur Schnitzler. Darüber hinaus sind beide Bänder mit Bleistift in Sütterlin beschrieben.

Ich entnehme dem Rheingold, dass es jemandem von der Städtischen Oper (heute die Deutsche Oper) Berlin gehörte. Es sind die Namen der Darsteller vermerkt, sowie die Daten 20.2.27 und 6.3.1928. Vermutlich haben sie das Rheingold dort aufgeführt, Google wollte mir aber nix dazu ausspucken.

Das dritte Heft ist ein neues. Das Verlorene Paradies von John Milton. Habe ich zwar schon als „schöne“ Ausgabe in englisch, aber ich musst so lachen als ich das hier aufgeblättert habe, deshalb hab ichs mitgenommen. Das Lesezeichen ist von der Herrnhuter Brüdergemeine in Rixdorf. Gottes Segen als Lesezeichen im Milton. Wir erinnern uns, Milton, der Besserwisser mit den markigen Sprüchen. Better to reign in hell than serve in heaven. Und so.

4 Kommentare zu “In Rixdorf is Musike”

  1. Ratte schrieb:

    Das Lesezeichen ist ganz hervorragend in dem Buch. *lach*

  2. miriquidi schrieb:

    Vor allem weil auf dem Lesezeichen noch so ein herziger Druckfehler ist. Die Herrnhuter BrüderGEMEINE.. :)))

  3. Barbara schrieb:

    Fantastisch. :D

  4. MinnaMonsterMaehne schrieb:

    Hui, vielen Dank für den schönen Beitrag über den Weihnachtsmarkt :) Ich durfte im Sommer für 5 Monate in Rixdorf leben und musste Auslandsaufenthaltsbedingt wieder weg – umso mehr freue ich mich über die schönen Fotos :) Warst Du im Herbst auf dem Heuballenrennen? Ich kam mir vor wie aufm Dorf :D
    Also nochmal vielen Dank!

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