Mein unbesinnliches Weihnachten

30. Dezember 2014 (12:40 h) – Tags: ,

Musik: Kreator - Amok Run | Stimmung: Dieses Jahr geh ich nicht mehr arbeiten!

Wie ich hier vermutlich auch schon oft genug erwähnt habe: Ich bin kein ganz großer Freund von Weihnachten. Also von dem was da draußen üblicherweise so abgeht: Turbokonsum, Glühweinbesäufnisse, gnadenlos überzogene Erwartungen und eigentlich wünscht man sich nur, dass alles ganz bald vorbei geht. Insofern habe ich mich auch aus allem was mit Flitterketten und LED-Kerzen daherkam rausgehalten. Dank meiner Freundin Ophelia bin ich aber kurz vor knapp doch noch zu zwei erfrischend unbesinnlichen Adventserlebnissen gekommen. Und sieh mal einer an, wenn man den ganzen Plastikmüll zur Seite geschaufelt hat, liegt darunter doch noch etwas echter Weihnachtszauber und rührt einen so ganz leicht ans Herz.

Natron und Red waren zu ihren Familien in die große Stadt gekommen und wir trafen uns alle am Vorweihnachtswochenende bei der Geburtstagsparty eines Freundes. Ophelia schlug vor, am Sonntag den Weihnachtsmarkt im Plänterwald zu besuchen. Der fand auf dem Gelände des ehemaligen Spreeparks statt, also in einem verlassenen Freizeitpark. Klang unweihnachtlich, also waren Natron und ich dabei.

Vom S-Bahnhof waren wir durch den völlig unbeleuchteten, matschigen Plänterwald gelaufen und hatten über Wölfe und Nachtwanderungen geredet, und das war vermutlich die magische Grenzmarkierung die den ganz normalen Dezember in Berlin von der surrealen Parallelwelt des postapokalyptischen Weihnachtsmarktes abtrennte. Ernsthaft, die Atmosphäre zwischen Riesenrad, Lichtinstallationen, Feuertonnen und Zirkuszelt war so dicht und unwirklich wie ich es nie erwartet hätte wenn man sich eigentlich nur auf einen Glühwein treffen will.

Das Riesenrad als Wahrzeichen des „populärkulturell mythisierten“ Lunaparks sieht man tagsüber schon von weiter her. Natürlich ist es nicht mehr in Betrieb, hier war es aber effektvoll illuminiert und drehte sich auch. Mit einem Geräusch wie tausend gequälte Seelen. Der urbane Endzeitfilm in meinem Kopf ging sofort los.

Es war nicht so voll, es gab Glühwein und ein wenig Nieselregen und überall waren Lichteffekte auf die Häuser, Bäume und Pflastersteine geworfen. Auf einer kleinen herzförmigen Bühne stand eine DJane und spielte Weihnachtsmusik die erfreulicherweise gar nichts Feierliches hatte. Daneben hatte man die Schwanenboote von der Spree geholt und zwischen Feuertonnen gruppiert.

Wir wanderten unter den Lampen die in den Bäumen hingen durch und vorbei an einer Lichtpyramide aus Regenschirmen. Dahinter stand ein Zirkuszelt und darin haben sie tagsüber wohl Märchen für Kinder vorgelesen. Im Stroh standen Sofas, es duftete nach Kindheit und Ophelia las uns uns die erste Seite von „Hans und die Bohnenranke“ vor. War das nicht die Geschichte bei der ich mich immer furchtbar gegruselt hatte wenn der Riese „Ich rieche, rieche Menschenfleisch!“ gerufen hatte?

Es gab auch Dinosaurier und ein Ufo und an eine Häuserwand hatte jemand ein Graffito gemalt das berlinerisch „Frohet Fest“ wünschte.

Das war vermutlich der beste, ungewöhnlichste Weihnachtsmarkt ever und ich bin total froh, dass wir da waren. Als ich am nächsten Tag meine Fotos durchschaute entdeckte ich was passiert wenn ich zu meinen Freunden sage: „Halte mal die Kamera, ich geh aufs Klo!“

 

Zwei Tage später hatte ich einen anderen Weihnachtstermin, wieder mit Ophelia. Die hatte mir schon neulich eine Telegram-Nachricht geschickt:“Wir haben Karten fürs Weihnachtssingen und auf einer steht dein Name!“. Neben den Hamburger Fußballfans gibt es in meinem berliner Freundeskreis als Ausgleich eine Eisern Union Clique um Ophelias Freund. Mit denen traf ich mich am Vorweihnachtstag im Stadion an der Alten Försterei. Nicht zum Spiel, sondern zum Singen. Die Unioner, die ja schon im Sommer ihr Stadion in ein riesiges Public Viewing Wohnzimmer verwandelt hatten, treffen sich traditionell am 23.12. um gemeinsam Weihnachts- und Fußballlieder zu singen. Mit Glühwein, Kerzenschein und Weihnachtsmützen in ihren Vereinsfarben.

Was Fußball angeht bin ich ja mehr mitgefangen-mitgehangen als selber interessiert, aber ich war sofort total beeindruckt mit was für einer großen Begeisterung die Unioner bei der Sache waren. Wenn 27500 Menschen ihre Vereinsparolen brüllen, so dass sie durchs Stadion hallen, ist das schon nicht ganz wenig gänsehaut. Ophelia, die früher genauso wenig Fußballinteresse wie ich hatte, fachsimpelt heute mit Natron über Trainerwechsel und kann natürlich ihre Vereinshymne auswändig singen. Es steckt unweigerlich an.

Wir kämpften ein wenig mit dem Wind der unsere Kerzen immer wieder ausblies und dem Liederheft in dem keiner so schnell die richtige Seite fand, aber wir hatten unglaublich viel Spaß.

Kaffeebecher vom Getränkestand verwandelten unsere Kerzen später in kleine Laternen und die funktionierten total super. Es fühlte sich ziemlich ungewohnt an Weihnachtslieder mal richtig zu singen statt immer nur möglichst laut irgendwo den Refrain mitzugröhlen, aber es war toll. Total rührend, dass es sogar ein Union-Weihnachtslied zur Melodie von „In Der Weihnachtsbäckerei“ gibt.

Die anderen zogen mir im Laufe des Abends auch eine Weihnachtsmütze auf den Kopf und ich schätze, dass ich damit in die Familie adoptiert bin. War auch voll schön bei euch. Danke, dass ihr mir doch noch etwas kitschiges Weihnachtsfeeling untergejubelt habt, Eisern Union!

2 Kommentare zu “Mein unbesinnliches Weihnachten”

  1. B schrieb:

    schön

  2. Ophelia schrieb:

    Nur für’s Protokoll: vollständig kann ich die Hymne noch nicht. Dafür fehlen noch 1-2 Weihnachtssingen. ;)
    Freut mich, dass ich dir so eine wundervoll unbesinnliche Weihnachtszeit bescheren konnte. :D

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