Hiking metal punks

15. Juni 2015 (18:55 h) – Tags:

Musik: Roadrunner United - The Allstar Sessions. Sensationelles Album! 

Fangen wir diesen Eintrag mal damit an, uns bei Metallica zu bedanken. Denn wäre ich letztes Jahr nicht zu Metallica nach Prag gefahren, dann hätte es nie den Moment gegeben wo man aus dem Zug heraus die wunderschöne Landschaft entlang der Elbe sah und wir spontan beschlossen in dieser einen Kneipe, dort wo auf dem Berg orangefarbenen Sonnenschirme stehen, mal ein Bier trinken zu gehen. Was wir jetzt erledigt haben. Allerdings muss ich mich auch, zumindest zähneknirschend, bei Frei.Wild bedanken, denn wenn die dem ohnehin schwachen Line-up des diesjährigen Out & Loud-Festivals nicht den finalen Todesstoß versetzt hätten, dann wäre ich da hin gefahren und nicht in die Sächsische Schweiz.

So hat also das Outiloudi ohne mich stattgefunden. Um aber den Urlaub nicht unverreist verstreichen zu lassen, haben Natron, Red und ich beschlossen, nach Sachsen ins Elbsandsteingebirge zu fahren. Genau dahin wo der Zug langfährt. Alles abklappern was man aus dem Fenster heraus sonst immer anstaunt.

Wir mieteten eine Ferienwohnung in einem sehr kleinen Ort in der Nähe von Bad Schandau und tuckerten mit einem Mietwagen ganz entspannt da runter. Mitten rein in eine Gegend wo Deutschland so aussieht wie auf ausländischen Schokoladenverpackungen: Berge, niedliche kleine Häuschen, ein blauer Fluss, Sonnenschein und biertrinkende Menschen in Sandalen und weißen Socken. Zu allem Überfluss gehörte zu unserer Ferienwohnung auch noch ein weiß-schwarzer Kater namens Nicki. Die perfekte Idylle.

Weil Red ein großer Organisator ist, hatte er auch schon einen Reiseführer und eine Wanderkarte besorgt sowie Programm für drei Tage rausgesucht. Das alles in bester Laune weil sein Fußballverein ja kurz vor knapp mal wieder den Klassenerhalt erzittert hat.

Meine Aufgabe bestand dann nur noch darin die Reisegruppe mit den inzwischen recht beliebten Kurkuma-Ingwer-Shots zu bewirten und abends Yogaübungen vorzuführen die wandermüde Beine entlasten sollten. Ein Leichtes.

Unser erster ganzer Ferientag war der Mittwoch. Wir legten gleich mal ordentlich los und besuchten die Festung Königstein. Eine riesige, niemals eroberte Burganlage deren wechselvolle Geschichte bis ins dreizehnte Jahrhundert zurückreicht.

Man sieht sie schon aus dem Elbtal prächtig auf ihrem Berg thronen, gekrönt von Baumwipfeln. Mitten in der Burg gibt es nämlich einen Festungswald. Einen Wald in einer Burg (godswood!). Das war unerwartet und total schön.

Auf jeden Fall lohnt der nicht sehr schlimme Aufstieg zur Festung. Schon wegen des grandiosen Ausblickes übers Elbsandsteingebirge. Und wegen der vielen unterschiedlichen Gebäude, die diese Burg bilden. Wegen der Türmchen, des Brunnens, der Dunklen Appareille, wegen des schönen Sandsteins aus dem sich unvermutet diese mächtigen Mauern erheben.

Und Biergärten gibt es natürlich auch. Der Unterschied zwischen einem Wandertag mit der Schulklasse und einem Wandertag mit den Freunden ist ja der, dass man sich jederzeit irgendwo hinhocken und ein Eis essen oder meinetwegen auch Alkohol trinken kann. Was die Sache ungleich angenehmer macht. Auf der Festung hätte man locker den ganzen Tag verbringen können, wir blieben allerdings alle paar Meter stehen und riefen „Oh, guck mal, das ist total schööön!“, deshalb schafften wir nicht die komplette Burg. Was okay ist. Man darf ja nochmal wiederkommen. Immerhin habe ich kitschige Schnapsgläser mit Goldrand und Motivdruck gekauft, für meine Saftshots.

Eigentlich hätte man den Tag nun auch beenden können. Aber Natron hatte im Reiseführer noch was spannendes entdeckt. Das sogenannte „Labyrinth“ in der Nähe des Ortes Leupoldishain. Bei uns werden Burgruinen auch gerne mal als „Oder sind das wieder nur drei Steine im Wald?!“ bezeichnet, das Labyrinth ist aber im allerbesten Wortsinn „Steine im Wald“. Sehr viele, sehr große Sandsteine, mitten im Wald. Als hätte jemand am Ende der Schöpfung dieser Gegend noch Material übrig gehabt und weil er es nicht mehr brauchte, hat er es einfach in den Wald geschmissen. Dazwischen krumme Bäume, Farm, Moose und Flechten. Felsspalten, schmale Durchgänge, erodierte Wände, Löcher und Überhänge.

Ich meine, da wohnen doch sicher Goblins in den flauschig überwucherten Felsen! Wir kletterten überall rauf, quetschten uns durch die schmalen Durchbrüche zwischen den Steinen und sprangen von einem Felsen zum nächsten. Das Labyrinth ist ein verzauberter Ort der im Abendlicht umso magischer wirkte.

Das war dann aber wirklich genug für einen Tag. Den Abend verbrachten wir auf der Anhöhe hinter unserer Wohnung sitzend, mit Panorama und lokalen Getränken.

Am Donnerstag war es wieder warm und sonnig. Der bärtige Reiseleiter hatte uns eine Schifffahrt auf der Elbe organisiert. Mit einem historischen Raddampfer nach Dresden. Das war wirklich so cool wie es klingt. Wir gingen in Bad Schandau an Bord und schipperten dreieinhalb Stunden die Elbe hinunter bis in die sächsische Landeshauptstadt. Mit Käffchen, Keksen und exzellenter Aussicht.

Was wir gestern aus der Vogelperspektive gesehen hatten zog jetzt gemächlich uferseitig am Boot vorbei. Putzige Städtchen, Dresdner Vorstadtvillen, Brücken, Kanufahrer. Rechts türmten sich die mächtigen Felsen der Bastei in die Höhe, von links guckte nochmal die Festung Königstein auf uns runter.

Gen Dresden änderte sich die Landschaft, Schlösschen ersetzten die Felsen und statt wildromantischer Wälder gab es Gartenarchitektur aus dem achtzehnten Jahrhundert. Und das alles ohne einen einzigen Schritt laufen zu müssen!

Dresden selbst wollten wir uns natürlich auch angucken. Freundlicherweise haben sie da ihre Touristenattraktionen so praktisch um die Frauenkirche herum zusammengeschoben, dass man auf ziemlich vieles einen Blick werfen kann ohne große Wanderungen zu unternehmen. Schon das Panorama von der Elbe aus ist ziemlich beeindruckend und die helle Sandsteinkuppel besagter Kirche fand ich total faszinierend. Normalerweise sind die Steine immer schon nachgedunkelt.

Auch echt gut hat mir der Fürstenzug gefallen. Ein riesiges Wandbild (aus Meissener Porzellankacheln) auf dem 35 Landesherrscher abgebildet sind. Mit ihren volkstümlichen Beinamen („Friedrich der Gebissene“) und nicht ohne ein gewisses Augenzwinkern. Die Darstellungen sind wirklich schön und es gibt ganz viel zu entdecken.

Und dann stand da auch noch ein Edelsteinhändler und verkaufte „Mugeln“: Rundgeschliffene Steine aus der Region. Ich nahm einen Amethyst mit der eine kürzere Anreise hatte als ich, nämlich nur 25 Kilometer von Dresden entfernt aufgewachsen ist. Für die Sammlung importierter Steine aus dem Urlaub.

Vom Fürstenzug schlenderten wir weiter Richtung Semperoper („Hier brauen die also das Radeberger Bier, ja?“) und Zwinger um danach über die Elbe zu spazieren und auf der anderen Seite noch eine extrem goldene Reiterfigur von Friedrich August II zu bestaunen die im grellen Sonnenlicht fast nicht anzugucken war und meiner Meinung nach sowieso eher Jamie Lannister darstellte.

Und dann hockten wir uns endlich an den steinigen Elbstrand, tranken ein wohlverdientes Bier und hielten die Füße ins Wasser. Ahh!

Zurück ging es später mit der S-Bahn und weil wir ja selbstversorgende Urlauber waren kochten wir abends noch zusammen in unserer WG-Küche. Ein seltenes Vergnügen.

Der Freitag war dann mit Abstand der heißeste Tag mit muckeligen dreißig Grad im Schatten. Wir hatten wieder Wandern auf dem Zettel, aber immerhin durch schattige Wälder, was sich auch als exzellente Idee herausstellte. Der Plan war zur Bastei hochzulaufen. Red hatte ausspioniert, dass ein Aufstieg von Westen, über Zscherregrund und Höllengrund, weniger steile Steigungen hätte als aus der anderen Richtung von Rathen aus kommend. Den Abstieg nahmen wir dann auf Anraten unserer Vermieter über die sogenannten Schwedenlöcher und den Amselgrund und die Wanderer die uns auf den steilen Treppen keuchend entgegenkamen bewiesen, dass unsere Tourenplanung die bessere war.

Erstmal war aber auch der Zscherregrund schon ein fantastischer Wanderweg. Wieder bemooste Felsen und dramatische Überhänge. Red und Natron, die bei „Baldur’s Gate“ immer rucksacktragenden Barbaren und fallenentschärfenden Zwerg spielen nahmen sofort ihre Rollen ein, ich wurde zur Nekromanten-Elfe bestimmt. Entsprechend viel Spaß hatten wir unterwegs schon. Wandern und Burgen sind Dinge die mit Metallern, Rollenspielern und Fantasyfans noch viel mehr Spaß machen als ohnehin schon.

Und ab und an gab es auch diese Steine zu sehen wo Wanderer schon im siebzehnten Jahrhundert ihre Initialen und mehr reingekratzt hatten. Wenn da überall Graffiti gewesen wäre hätte man das unmöglich gefunden aber so machten wir Fotos und versuchten die Texte zu entziffern: „Soll das ein Weinfass sein?“

Der Aufstieg mündete schließlich an der Bastei und kaum hatte man den Einzugsbereich des dortigen Parkplatzes erreicht, war mit einem Schlag alles knüppelvoll. Ein bisschen unerwartet nach der romantischen Waldeinsamkeit zwischen den Felsen. Dazu kam die unerbittliche Sonne auf der Basteibrücke. Aber ein solches Landschaftsspektakel, das es außerdem zu einem der voreingestellten Bildschirmhintergründe bei Windows 7 gebracht hat, das muss man sich schon ansehen wenn man in der Sächsischen Schweiz ist.

Die Basteibrücke und die Aussicht sind ja auch wirklich umwerfend. Wenn man auf die Elbe runterblickt und es kommt grade der Zug nach Prag vorbei in dem wir letztes Jahr saßen, dann sieht das da unten wirklich total wie ein Miniaturwunderland aus. In den umliegenden Felsen kletterten angeseilte Menschen in leuchtenden T-Shirts herum und ich glaube DAS macht da auch richtig viel Spaß.

Nachdem wir noch die Reste der Felsenburg Neurathen besucht hatten verabschiedeten wir uns von dem Touristengedränge und schlugen uns wieder zwischen die Bäume, Richtung Schwedenlöcher.

Für den Tipp zu dieser Route kann man den Vermietern gar nicht genug danken, denn die Landschaft wurde nochmal mächtig beeindruckend. Ein bisschen wie die Tolminka-Klamm in Slowenien, nur ohne das türkisfarbene Wasser. Steile Felswände, enge Schluchten, dazwischen Treppenstufen, umgestürzte Bäume, höhlenartige Durchgänge und alles wild überwuchert. Wow.

(Das Bild mag ich gerne weil es aussieht als ging ich durch die Felsen in eine Zauberwelt. Tatsächlich ein Topos der mittelalterlichen Literatur. Die Felsen als Grenzmarkierung und dahinter tut sich Avantasia eine noch nicht wirklich zu erkennende Dimension auf in der es Elfen und Einhörner gibt.)

Nach diesem sensationellen Wanderweg machten wir einen kleinen Abstecher zum Amselfall. Ein kleiner Wasserfall hinter dem der Eingang zu einer Grotte liegt. Höhle hinter Wasserfall, ich meine mich dunkel an soetwas aus dem Herrn Der Ringe zu erinnern. Kurz nachdem die Hobbits Faramir getroffen haben? Egal.

Das alleine war dem neunzehnten Jahrhundert aber nicht spektakulär genug, deshalb staute man den Bach oberhalb des Wasserfalls kurzerhand auf, baute eine touristisch ausgelegt Bude für Erfrischungsgetränke und wer dem Wirt ein Trinkgeld zahlte, konnte bestaunen wie dieser das Wehr öffnete und der Wasserfall sich kurzzeitig in großer Pracht ergoss. Das ist total lustig und gleichzeitig total bescheuert. Und es läuft immernoch so. Für dreißig Cent gibts zum Bierchen noch etwas Wasserfall. Das wollten wir uns natürlich anschauen, nur war leider so wenig Wasser im Wehr, dass es kein Spektakel gab. Muss man auch hier nochmal vorbeischauen. Ist ja schrecklich.

Vorbei am Amselsee ging es dann entspannt nach Rathen zurück an die Elbe. Und knapp oberhalb des Kurortes lag sie dann, die Pivnice mit den orangefarbenen Sonnenschirmen.

Sie stellte sich als die pittoresken Überreste der Burg Altrathen heraus und nach dem kurzen aber extrem steilen Aufstieg waren wir definitiv reif für das nächste Bier. Da oben zu hocken, umgeben von dieser viel zu schönen Landschaft, am Nebentisch die Kletterer in den Leuchteshirts, und zu wissen man hat seinen Plan vom letzten Jahr erfüllt, das fühlte sich fantastisch an. Urlaub komplett.

Es blieb uns noch den Elberadweg ein paar Kilometer zu unserem Auto zurück zu laufen und am nächsten Tag ging es wieder heim in den Norden. Die Sächsische Schweiz war auf jeden Fall ein fantastischer Kurzurlaub mit Wasser, Bergen, Sonne, Burgen und der richtigen Begleitung. Besser hätte ich meine freien Tage kaum nutzen können.

5 Kommentare zu “Hiking metal punks”

  1. Centi schrieb:

    Wow, was für ein schöner Urlaub!
    Die malerischen Waldschluchten und Felsen find ich natürlich am tollsten, aber das dicke goldene Pferd in Dresden hat ja schon auch was. :)

  2. Ophelia schrieb:

    Ohh, das liest sich total toll!
    Auf dem Foto von Natron und Red, wo sie in der Felsspalte stehen, sieht es durch Reds Shirtdruck aus, als hätte Natron eine Kranz aus Zweigen auf. :D

  3. TanteLiese schrieb:

    Klettern im Elbsandsteingebirge ist tatsächlich genial, ich bin sehr froh, dass es nicht weit weg ist. In der Gegend um das Schloss Pillnitz gibt es übrigens noch viel mehr albernen Kram aus dem 18. Jahrhundert, falls dich das interessiert. Ich hab zu dem Thema letztes Semester eine Facharbeit geschrieben. Die haben dort zum Beispiel eine „gotische Ruine“ auf den nächsten Hügel gestellt, natürlich so, dass man sie vom Schloss aus sieht. Dann gibt es noch eine Art Mini-Festungsruine mit Schießscharten-Türmchen die viel zu klein sind um sie zu betreten, außerdem haben sie mit übelstem Aufwand den Bach künstlich mäandern lassen und übertrieben viele Brückchen drübergeleitet, eine „germanische Stele“ erbaut und einen künstlichen Wasserfall haben sie auch angelegt. Super oberflächlich aber aus heutiger Sicht total lustig und ziemlich spannend. So ähnlich geht es den Leuten in 200 Jahren bestimmt mit dem Europa-Park und anderen Einrichtungen dieser Art. :D

  4. Thaliafromprussia schrieb:

    Das sieht nach einem entspannten, aufregenden und erholsamen Urlaub aus :)

  5. Kathi schrieb:

    Das sieht so gut aus! Vielen lieben Dank für die ausführlichen Beschreibungen, da kriegt man gleich Lust, loszuwandern – ich sollte mir das Gebirge für einen Urlaub definitiv merken und werde mich dann an die Tipps hoffentlich erinnern :)

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