Day One

1. Januar 2016 (16:12 h)

Musik: Avantasia - Dying For An Angel 

Heute vor einem Jahr. Ich hatte mit Freunden Silvester gefeiert, damals habe ich auch noch Alkohol getrunken, und entsprechend saß ich ein wenig verkatert in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Gegenüber am Fenster fielen mir zwei Mädchen auf, die Startnummern für einen Neujahrslauf an ihren dünnen Sportklamotten befestigt hatten. Ich fragte mich, was das für Menschen sind, die anstatt das alte Jahr hemmungslos in die Kiste zu feiern beizeiten ins Bett gehen um dann als allererstes im nächsten Jahr Sport zu machen. Erschloss sich mir nicht und ich glaubte ja auch, mir mit meinem rocknrolligen Lifestyle zu gefallen. Feiern, lässig sein. Abgenommen hatte ich ja auch ohne Bewegung, nicht wahr? Sport habe ich seit der Schule gehasst. Laufen mehr als alles andere.

Das sollte sich bald ändern. Eine Woche später hatte Netti (-> Natron, noch voll ungewohnt) mir den Floh ins Ohr gesetzt und ich druckte mir einen Vier-Wochen-Plan für Laufeinsteiger aus dem Netz aus. Der Einstieg klappte glücklicherweise und sehr bald merkte ich, dass Laufen noch so viel mehr als Konditionstraining ist. Seitdem bin ich viele, viele Kilometer durch den Treptower Park, Plänterwald und entlang des Neuköllner Schifffahrtskanals gerannt. Bei Regen, bei Schnee, mit Gegenwind, mit Vogelzwitschern, wenn ich eigentlich keine Lust hatte und wenn ich extra Schichten getauscht hatte um noch genug Tageslicht zum Laufen zu haben. Als der Sommer sehr heiß wurde habe ich zwischenzeitlich die Laufschuhe gegen mein Fahrrad getauscht und bin jeden Tag 26 Kilometer zur Arbeit und zurück geradelt. Das war super, und genug Training, sagten meine Freunde. Aber ich merkte zum ersten Mal, dass mir das Laufen da plötzlich fehlte. Weil es nämlich Spaß machte! Weil es etwas war, auf dass ich mich freute und das mir, egal wie beschissen es mir eigentlich ging, immer die Laune besserte. Inzwischen ist Laufen ein Teil meines Alltags geworden.

Ich habe gestern Abend gearbeitet, konnte also ohnehin nicht großartig feiern. Heute habe ich frei. Die Gelegenheit klopfte also förmlich an. Und weil ich heute sowieso Laufen gegangen wäre, ergriff ich die Möglichkeit mal nicht im Park, sondern Unter den Linden zu rennen. Beim 45. Berliner Neujahrslauf. Nagut, ein bisschen bin ich auch eine sentimentale Ziege die auf Gesten und Symbole steht und sich ein Zeichen nach einem Jahr Laufen setzen wollte.

Ich will nicht leugnen, wie nervös ich vorher war. Der Lauf geht nur über vier Kilometer, das ist eine Distanz die ich locker jeden zweiten Tag laufe. Es gibt keine Startnummern und keine Zeiten, der Fokus liegt auf entspanntem, gemeinsamen Start ins Jahr. Aber trotzdem. Wie sind die anderen Läufer drauf, bin ich im Vergleich total langsam, was wenn ich es irgendwie nicht schaffe??? Aber Grenzen, grade die eigenen, muss man überwinden. Also fand ich mich auf einmal in der S-Bahn wieder, Laufschuhe an, während die anderen Fahrgäste teilweise noch Konfetti in den Haaren hatten. Strange.

Am Brandenburger Tor sammelten sich etwa viertausend Läufer. Gut gelaunt wurde so viel Lärm gemacht, dass sich die Bewohner des Adlon neugierig in Unterhosen auf ihre Balkone wagten. Und dann gings los. Das Tempo wurde absichtlich gebremst um das Feld beisammen zu halten und die Sache auch wirklich nicht zu ambitioniert werden zu lassen. Das war sehr angenehm und einfach mit dem Flow zu laufen fiel mir überhaupt nicht schwer. Total cool da zwischen Bebelplatz, Zeughaus und Altem Museum langzulaufen, bis zur Baustelle vom Stadtschloss, dann um den Dom und wieder zurück zum Pariser Platz. Unter den Läufern waren Kinder, Touristen, Verkleidete und Eltern die ihren Babybuggy vor sich herschubsten. Schaulustige und Streckenposten jubelten und wünschten ein gutes neues Jahr.

Wieder am Brandenburger Tor gab es eine Urkunde zur Erinnerung, was zu trinken und noch ein Selfie mit dem Wahrzeichen, dann machte ich mich schnell auf den Heimweg weil es ja eigentlich kalt war und ich durchgeschwitzt. Alles in allem bin ich unheimlich froh, den Lauf gemacht zu haben. Ich bin so stolz auf mich und dankbar, dass ich zwischenzeitlich zu Tränchen gerührt war. Es gibt noch mehr Pläne für 2016, aber ich bin mir sicher, das neue Jahr schonmal auf die bestmögliche Art begonnen zu haben.

7 Kommentare zu “Day One”

  1. regenfrau schrieb:

    Wow! Was für ein phantastischer Jahresstart!
    Ich liebäugel ja schon seit Jahren mit der Teilnahme an diesem Lauf. Mir gefällt der Gedanke, das neue Jahr so anstatt verkatert zu begrüßen. Allerdings sollte ich dafür wohl erstmal mit dem Laufen an sich anfangen. ;-)
    Immerhin bin ich alkoholfrei ins neue Jahr gestartet und habe zu Hause etwas gesportelt. Aber der Neujahrslauf ist natürlich eine ganz andere Liga…
    Ich bin ein wenig neidisch. :-)

  2. Stitched Teacups schrieb:

    Yay! Ich freue mich, dass du einen tollen Start ins neue Jahr hattest und damit so glücklich warst.

    Ich glaube, ich möchte auch wieder mehr laufen gehen, ich wurde beim Lesen gerade massiv neidisch, auch wenn ich nie so regelmäßig gegangen bin und (damit im Zusammenhang stehend) meine Kondition nie ausreichte, dass ich nennenswerte Entfernungen zurücklegen könnte.

  3. Centi schrieb:

    Soda beim Neujahrslauf! Yeah! Ich bin so stolz auf dich! :D
    Nein, echt, ich find das toll- als ebenfalls Schulsporttraumatisierte kann ich so richtig nachvollziehen, dass man sich in erster Linie erstmal wundert, dass Sport tatsächlich *Spaß* machen kann.
    Du hast viel erreicht in einem Jahr!

  4. Luthya schrieb:

    <3 Oh, wie schön! ich bin total gerührt, so toll klingt das!

  5. Andrea schrieb:

    Liebe Soda, ich wünsche dir ein tolles und glückliches neues Jahr! Ich mag deinen Blog wirklich sehr und freue mich über jeden neuen Eintrag! Machst du denn wieder einen Näh-und-DIY-Jahresrückblick? Ich finde deine Beiträge immer so inspirierend! Alles Liebe aus NRW!

  6. Hana Mond schrieb:

    Was für eine schöne Art, ein neues Jahr zu beginnen!
    Ich habe meins beim Frühstück mit lauter Freunden begonnen, ohne Kater, ich trinke nie viel. War auch schön …

    Ich wünsche dir ein frohes neues Jahr!

  7. Devi schrieb:

    Die große Erleuchtung durch Laufen ist echt ein Erlebnis. Sport macht Spaß und es ist *so* viel mehr als Rumgehampel… die Aufregung vor dem ersten „Rennen“ ist garnicht so feierlich, aber die meisten Läufer sind sehr freundlich und gechillt, gerade wenn sie wissen, dass man „neu“ ist. Das ist auch so eine Blockade im Kopf, über die man später nur noch lachen kann, wenn man merkt, wozu man fähig ist. Laufen ist reine Meditation und bringt sehr viel Gutes für so viele Lebensbereiche… DAS sollten sie einem mal im Sportunterricht beibringen Ö.o

    2014 bin ich den Berlin Halbmarathon mitgelaufen, das ist auch die reinste Sightseeing(und Party-)tour. Nur dass sie die ganzen langweiligen, nicht so motivierenden Ecken ganz ans Ende der Strecke gepackt haben *g*

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