Zwei Meter Harmagedon

14. Mai 2011 (14:31 h) – Tags: ,

Ich schreibe heute über einen Stoff. Er ist noch nicht verarbeitet und ich habe auch noch keinen Plan, was er werden könnte. Vielleicht verarbeite ich ihn auch gar nicht. Man könnte argumentieren, er wäre zu schön um nützlich zu sein.

Ich habe diesen Stoff beim Händler gesehen und wußte: Der ist was. Manche Stoffe sieht man und denkt, der will was werden. Der schreit nach diesem oder jenem Schnitt. Der wirkt retro oder mutti oder futuristisch. Der hier ist anders. Der ist Asche und Untergang und Neuerstehung und staubige Luft. Er ist nicht mit einem Wort zu beschreiben sondern selbst mit all diesen Myriaden von Nebenklängen und Assoziationen die er auslöst nur unzureichend darzustellen.

Dieses Gefühl, dass da viel mehr ist als auf den ersten Blick zu erkennen, und viel mehr als selbst mit tausend Worten zu übersetzen, das habe ich öfters bei Bildern oder Texten oder auch Situationen. Das nenne ich Poesie. Kunst ist so ein schwieriger Begriff. Der Dichter Hugo von Hofmannsthal* sagt, Poesie bilde sich aus Chiffren die aufzulösen unsere Sprache ohnmächtig sei. Jedes Ding,  jedes Motiv, bilde dabei immer nur sich selbst ab, stehe niemals für etwas anderes. Sich selbst aber natürlich mit aller Wirkung und Assoziation und Geschichte und Interpretation. Er bringt den Schwan als Beispiel und sagt: Er bedeutet, aber sprich es nicht aus. Was immer du sagen wolltest, es wäre unrichtig. Der Schwan als Chiffre beinhalte den weißen Vogel, verachtungsvoll auf schwarzem Wasser kreisend, den wunderbare Mythos seiner Sterbensstunde, Einsamkeit, Hoheit, Reinheit.

Es ist mir hier zum ersten Mal passiert, dass mich die Poesie in Form eines Stoffdrucks ansprang. Aber warum auch nicht. Objektiv betrachtet ist das Batist aus Naturfaser, ich tippe auf Viskose, vielleicht auch ein Viskose-Baumwolle-Gemisch. Der Druck bewegt sich im Spektrum zwischen greige und schwarz. Ein heller und ein sehr dunkler Ton wechseln sich in Streifen ab, die Übergänge bilden Paisleymuster. Damit ist jedoch nichts über die Wirkung des Drucks gesagt.

Ich sehe da fremdgestaltige Pflanzen und Gebäude, in Asche versinken und daraus emporsteigen. Ich sehe Staub und Rauch und tragische Schönheit. Unvermeidbarkeit. Ich denke an den Untergang des Hauses Usher. An den Rauch der am Ende in den Himmel steigt wenn mein liebstes altenglische Heldenepos zu seinem tragischen Schluss kommt. Und an ungeschriebene Geschichten von Herrschaft und Tod und Schicksal.

Das alles auf zwei Metern Batist. Man könnte zu mir sagen, ich hätte (zu) viel Fantasie und das hier wäre nur ein monochromer Paisleydruck. Vielleicht bin ich auch durch das Literaturstudium und meine Freunde aus der Magisterarbeit, Hugo und Stefan, übersensibilisiert. Tatsächlich habe ich aber auch als Kind schon sehr viel in sehr wenig sehen können. Das ist ein großes Geschenk. Poesie bereichert das Leben so ungemein und es lohnt sich so unendlich sich darauf einzulassen. Sei es im Museum oder auf dem Türkenmarkt.

*Hugo von Hofmannsthal: Das Gespräch über Gedichte (1904). Hier bei Wikipedia zusammengefasst.

10 Kommentare zu “Zwei Meter Harmagedon”

  1. CiR schrieb:

    Ich muss bei dem Stoff irgendwie an den Wald in der unendlichen Geschichte denken, der Nachts in den wunderbarsten Formen blüht und tagsüber zur öden Wüste wird…
    … oder an Giger, da weiß ich aber überhaupt nicht warum.
    Jedenfalls ist der Stoff ein Traum!

  2. Claw schrieb:

    Der Stoff ist echt cool.
    Ich würd sofort einen Volantrock draus machen. ^^

  3. knaxgurke schrieb:

    Wow…
    Mir fehlen die Worte, der Stoff ist echt der Wahnsinn. Den hätte ich auch gekauft, so ich denn in den Genuss eines Stoffmarktes käme. =(
    Ich finde der würde sich wunderbar für eine weitere Version des Fischerrockes eignen oder für eine etwas ausgestellten knielangen Rock, evt. oben in ein paar Falten gelegt, entweder oben hell und unten dunkel oder rumgedreht. Dieser Farbverlauf ist einfach genial und der Stoff selbst ist schon so besonders dass er in aufwändigen Schnitten wahrscheinlich etwas unter gehen und gar nicht mehr so toll zur Geltung kommen würde, der braucht sozusagen was schlichtes. Ein bodenlanger Rock einfach oben mit Gummizug wäre bestimmt auch hübsch. (Sozusagen ein Stufenrock ohne Stufen, die Stufen kämen nur durch die Farben. ^^) In voller Pracht käme das Muster natürlich auch in Vorhängen zur Geltung, aber das wäre schätze ich ja fast zu schade für so ein Schmuckstück.
    Hach, jetzt will ich auch sowas… *schmacht*

  4. Thalea schrieb:

    Ich kann genau verstehen, was du meinst. Der Stoff ist wirklich wunderschön und auch ich dachte sofort, er habe etwas magisches.
    Ich wüsste auch nicht, was daraus zu machen wäre und würde vermutlich darüber nachdenken, ihn einfach als Bild aufzuhängen. Von etwa der Mitte eines schwarzen Streifens bis etwas zur Mitte des nächsten.

  5. denocte schrieb:

    *sprachlos*

  6. Kate schrieb:

    Das klingt zwar jetzt bestimmt irgendwie seltsam, aber meine allererste Assoziation zu diesem Stoff lautet „Assassin’s Creed II“. o.O Das kann ich nicht mal richtig erklären, aber dieser Musterverlauf, die Farben, das alles bildet eine Verbindung zum Stil der Artworks.

    Auf jeden Fall wunderschön. <3 Ich hätte einen perfekten Platz über dem Sofa dafür. :D

  7. Phosphor schrieb:

    Hm. Ja, es wirkt wirklich wie eine zerstörte Stadt in der die einzige Bewegung die Hetzjagd von abermillionen Aschepartikeln ist, die von einem unbarmherzigen Wind über die Einöde getrieben wird.
    Mir kam da spontan eine Jacke oder ein Hemd (beim Stil bin ich mir unsicher, aber eher schlicht als dramatisch) oder derartiges in den Sinn. Unten am Saum dann die Köpfe des einen Musters, in der Mitte die helle Stelle (eben die Luft) und im Schulterbereich dann wieder der Anfang der nächsten Musterbahn als bedrohliche Aschewolke.
    HM… dir fällt sicher was ein. Ich bin gespannt.

  8. Agnes schrieb:

    Erinnert mich ein bisschen an die Bilder von Giger.
    Also ich würd ihn auch für kein Kleidungsstück mit großartigem Schnitt verwenden. Lieber was, wo er voll zur Geltung kommen kann. ein langes wallendes Kleid vielleicht oder so.

  9. Frau von Nöten schrieb:

    Ich hab auch eine Videospielsequenz im Kopf gehabt (wie heißt das Spiel in dem es die ganze Zeit Asche regnet?), gleichzeitig aber an Gedichte von Heine.

    Ich würde jedenfalls nur eines damit machen: Auf einen Rahmen ziehen und an eine Wand hängen.

  10. Augenwassersucht/Wolfskind schrieb:

    Oh, meine erste Assoziation bei diesen Farben und Wirbeln war ein Lied von Nocte Obducta. Die Schwäne im Moor. Später auch Aschefrühling. Allgemein die Stimmung die NO teilweise herauf beschwören können. Dass du dann auch das Bild des Schwanes auf schwarzem Wasser verwendest war irgendwie passend. Daraus einen Betthimmel wäre wunderbar… Oder schnöder: die Rückwand des RaumtrennerExpedits. Wenn die Breite passt auch eines Billys, damit es einfach spannender aussieht (wobei ich dann wohl versucht wäre, die Regalbretter auf Höhe der Farbverläufe anzubringen).

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