Ich nutze das Natron & Soda-Forum ja anders als die User. Ich gucke immer erstmal was es zu moderieren gibt, lese auch Themen die mich nicht interessieren um dort Spam zu löschen, die Forumsregeln durchzuprügeln oder mal ein beruhigendes Wort zu aufgebrachten Usern zu sagen. Dabei treibe ich mich vorrangig in den Bereichen rum die unter meiner Adminaufsicht stehen. Das Swapboard gehört nicht dazu. Deshalb gucke ich da selten rein und habe noch nie an einem Swap, also einem themenbezogenen Austausch von selbstgebastelten Geschenken, teilgenommen.
Bis vor Kurzem. Da machte mich Natron auf ein Swap-Thema aufmerksam das meiner anstudierten Klugscheißerei perfekt entgegenkam. Beim sogenannten Schundliteratur-Swap liest jeder Teilnehmer einen möglichst grottigen Trivialroman, kommentiert ihn nach Herzenslust und verschenkt ihn nebst ein paar passenden Kleinigkeiten an seinen Swappartner. Mich über schlechte Literatur mockieren? Mein Spezialgebiet.

Einen wirklich miesen Roman zu finden war gar nicht so einfach wie ich dachte. Sogar die Bahnhofsbuchhandlungen machen neuerdings Einen auf anspruchsvoll. Eine Tour durch die halbe Stadt bescherte mir aber schließlich doch die kitschige Liebesgeschichte zwischen Gwynnie und Pagan. Ein Roman in dem das Mittelalter aus Plastik besteht, alle Personen und Orte die absurdesten Namen tragen und die Protagonisten regelmäßig in pornös bis lächerlichen Beschreibungen übereinander herfallen. Andererseits war es wirklich mal erfrischend so etwas eher anspruchsloses zu lesen, anders wäre ich vermutlich niemals in dieses Genre eingetaucht. Ich will auch nicht von oben herab über diese Art von Nackenbeißer-Roman und seine Leserinnen urteilen, dafür hat es mir irgendwie auch zu viel Spaß gemacht meinen Schundroman zu lesen. Nur die Literaturwissenschaftlerin in mir war natürlich erstmal entsetzt.

Weiter hinten im Buch waren einige Seiten nicht aufgeschnitten, das ist bei der Herstellung wohl einfach schief gelaufen. Ich habe sie dann auch nicht aufgetrennt sondern den Teil der Geschichte der nicht zu lesen war durch ein Alternativkapitel ersetzt. Dabei habe ich versucht den Stil der Autorin nachzumachen, bin mit der Handlung aber absichtlich in sehr absurde Gewässer getaucht. Wer sich dafür interessiert kann meinen Beitrag hier lesen.
Neben dem kommentierten Text galt es das Cover zu gestalten und ein paar Kleinigkeiten zusammenzustellen die dem Empfänger das Lesen vielleicht noch versüßen. Ich habe mich dagegen entschieden die wuchtige Umschlagsillustration keusch hinter einer Hülle zu verbergen. Denn für meinen Geschmack war da noch gar nicht genug Kitsch und Drama drin. Wenn schon, denn schon.
Also habe ich das Bild auf dem Titel als Vorlage verwendet und meine eigene Version davon gezeichnet. Ausgestattet mit mehr Sex und ein paar Details aus der Beschreibung der Heldin. Den Klappentext habe ich ebenfalls neu geschrieben und auch den restlichen Umschlag gestaltet. Titel und Autorin habe ich natürlich beibehalten, aber der Parental Advisory-Sticker war ursprünglich nicht drauf.



Man kann den Titel nicht so gut lesen weil ich ihn mit goldener Acrylfarbe nachgemalt habe. Den Seiten habe ich auch einen Goldschnitt verpasst. Und den Umschlag mit transparenter Folie kaschiert, so ist er ziemlich widerstandsfähig aber durch die Reflektion gehen immer Details verloren. Deshalb ist hier die Zeichnung nochmal in besserer Qualität. Dazu kamen dann noch Text und Sonnenuntergangsstimmung mit Burgen.

So etwas “Erotisches” habe ich noch nie gezeichnet. Zum Glück kann man mir nicht durchs Fenster auf den Monitor gucken, das wäre mir zeitweilig eher unangenehm gewesen. Hat aber Spaß gemacht. Und in der unmittelalterlichen Kleidung der Heldin bin ich total aufgegangen (im ersten Kapitel trägt sie ein Mieder und Rokokoärmel!).
Dazu habe ich eine Art Windlicht gebastelt, in dem ich Szenen aus der Handlung aufgegriffen habe. Das ist schwarze Pappe, hinterklebt mit Transparentpapier. War weniger Arbeit als man annehmen könnte und ich mag den Effekt total. Da kann die Empfängerin ein Wasserglas mit Teelicht oder eine Votivkerze reinstellen, dann leuchtet es so schön farbig durch.



Damit sich das Windlicht besser verschicken lässt, habe ich es noch nicht zusammengebaut. Dafür braucht man dann aber einfach nur die Klebestreifen abzuziehen und es zusammenzusetzen. Bei mir musste es mit Büroklammern halten.
Das zweite Geschenk ist auch ganz flach und einfach zu verschicken. Nämlich ein Lesezeichen. Bietet sich ja irgendwie an. Auch hier habe ich selber gezeichnet, aber diesmal ohne Vorlage. Ich habe versucht Waterhouse abzumalen, aber das hat nicht so geklappt wie ich wollte. Weil ich durch den Roman und mein Gestöber in der Präraffaelitischen Kunst aber schon total eingegroovt war, hat die Zeichnung auch freihand ganz gut hingehauen.

Für die Rückseite habe ich ein Stück goldfarbenes Geschenkpapier mit Hologlitzer verwendet und eine kleine Herkunftsnotiz eingearbeitet. Weil ich das Lesezeichen dann laminiert habe erkennt man auf den Fotos wieder zu wenig Details. Also hier auch nocheinmal die Zeichnung in groß:

Mir haben die visuelle Gestaltung und vor allem die Zeichnungen unheimlich viel Spaß gemacht. Und obwohl mich die populäre, inkorrekte Darstellung des Mittelalters als Disneyworld-Themenpark normalerweise sehr aufregt, bin ich jetzt auf präraffaelitischen Kitsch und Fantasykleider mit weiten Ärmeln aus ganz viel Batist eingeschossen. Zu allem Überfluss hängt in meinem Arbeitszimmer ein Kalender, der jeden Monat ein neues “Mittelalter”-Bild mit schöner Frau und noch schönerem Kleid anbietet. Es kann also sein, dass ich schwach werde und so ein “Herr der Ringe”-Prinzessinnenkleid nähen muss bevor das Jahr zuende geht. Ihr seid gewarnt.